
Krankmeldung ab dem ersten Tag: Europas Sozialstaaten im Spannungsfeld von Fürsorge und Eigenverantwortung
Während die Bundesregierung die Attestpflicht verschärft, entbrennt in Schweden eine Grundsatzdebatte über Karenztage, Gewinninteressen im Bildungs- und Gesundheitswesen und die Frage, was Wohlfahrt eigentlich leisten soll.
Die Ankündigung der deutschen Bundesregierung, künftig vom ersten Krankheitstag an eine ärztliche Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung zu verlangen, hat unmittelbare Folgen für Millionen Beschäftigte und das Gesundheitssystem. Bislang war die Bescheinigung erst ab dem vierten Tag vorgeschrieben. Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) bemühte sich im ARD-„Sommerinterview“ um Schadensbegrenzung: Die Neuregelung bedeute nicht, dass sich Arbeitnehmer „krank zum Arzt schleppen“ müssten; die Bescheinigung könne auch nachträglich eingeholt werden. Zugleich räumte er ein, der Beschluss sei ein Kompromiss mit der Union, die ursprünglich unbezahlte Karenztage habe einführen wollen. Ärztevertreter warnen vor einem Ansturm auf die Praxen, während das Bundeskabinett am Montag den Haushaltsentwurf 2027 mit Ausgaben von 555 Milliarden Euro und einer Neuverschuldung von über 203 Milliarden Euro beschließen will.
Aus schwedischer Perspektive wird die deutsche Debatte mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgt. Zwei Wirtschaftsprofessoren der Universität Uppsala warnten in Dagens Nyheter eindringlich vor einer Abschaffung des Karenzabzugs, wie sie in Schweden derzeit diskutiert wird. Ihre Langzeitstudie für die Jahre 1955 bis 1999 belege, dass großzügigere Ersatzregelungen stets zu dauerhaft höheren Krankenständen führten. Der norwegische Fall mit einem der großzügigsten Systeme weltweit und einer saisonbereinigten Krankenquote von 7,1 Prozent im zweiten Quartal 2024 diene als abschreckendes Beispiel. Die Wissenschaftler betonen, Krankmeldungen bewegten sich oft in einer Grauzone; eine volle Lohnfortzahlung ohne Selbstbehalt verschiebe die Entscheidung systematisch in Richtung Abwesenheit.
Parallel dazu gewinnt in der schwedischen Politik ein neuer Begriff an Kontur: die „existenzielle Gesundheit“. Sozialminister Jakob Forssmed (Christdemokraten) hat die staatliche Aufgabe über Kontrolle und Arbeitslinie hinaus neu definiert – als Schaffung von Voraussetzungen für ein Leben voller Sinn, Gemeinschaft und Wohlbefinden. Ein Regierungsauftrag an die Volksgesundheitsbehörde beschreibt existenzielle Gesundheit als die Fähigkeit, an das Leben zu glauben und Sinn zu empfinden, ohne zwingend religiös konnotiert zu sein. Diese Neuorientierung, die in Sydsvenskan als „willkommene Umorientierung“ bezeichnet wird, trifft auf eine Gesellschaft, in der laut einer nationalen Erhebung in Kolumbien 40,1 Prozent der Bevölkerung angeben, Umweltveränderungen beeinträchtigten ihre psychische Gesundheit, und in der 53,8 Prozent der pflegenden Angehörigen unter Überlastung leiden. Die kolumbianische Regierung sieht in der Erhebung einen Auftrag, Wohlfahrt nicht länger nur über Krankheitsdiagnosen, sondern über Lebenszufriedenheit und Gemeinschaftsbindung zu messen.
Diese programmatische Erweiterung des Wohlfahrtsbegriffs kollidiert mit handfesten Verteilungskonflikten. In Malmö deckte die Zeitung Sydsvenskan auf, wie private Schulträger Millionen an Steuergeldern entnehmen, während Schüler zu wenig Unterricht von unqualifizierten Lehrkräften erhalten. Die Sozialdemokraten der Stadt fordern, Kommunen müssten Zahlungen einfrieren und zurückfordern können, wenn Missstände bekannt seien. Eine ähnliche Debatte entzündet sich im Gesundheitswesen: In Kristianstadsbladet verlangt ein Bürger die Abschaffung des Gesetzes zur Wahlfreiheit in der Primärversorgung, um die Standortsteuerung wieder den Regionen zu überlassen und Gewinnabflüsse an große Konzerne zu unterbinden. Die schwedische Regierung hat zwar Reformvorschläge vorgelegt, doch aus Sicht der Malmöer Sozialdemokratie handelt es sich lediglich um „Spachtelmasse an einem einstürzenden Haus“. Die kommenden Wochen werden zeigen, ob die deutsche Haushaltsentscheidung und die schwedische Wahl am 13. September die Weichen in Richtung einer restriktiveren oder einer stärker auf existenzielle Fürsorge ausgerichteten Sozialpolitik stellen.
| Lateinamerikanische Presse | −0.20 | neutral |
|---|---|---|
| Kontinentaleuropäische Presse | −0.30 | critical |
Bogotá tries to balance social ambitions with budget constraints, while Berlin and Stockholm show the limits of their models.
An implicit comparison between the Global North and South is used to relativize European solutions, suggesting that each context requires specific responses.
European capitals must reform welfare to keep it sustainable, without yielding to populism.
A technical-economic tone is adopted to legitimize reforms as inevitable, presenting cuts as rational choices rather than ideological ones.
Erweitere deinen Horizont
Trotz fallender Ölpreise: Opec+ erhöht Fördermenge zum fünften Mal in Folge
7 Sprachen · 17 Quellen
Aus TechnologyOhne US-Chips an die Weltspitze: Chinas Effizienz-Strategie treibt KI-Wettbewerb
2 Sprachen · 4 Quellen
Aus Science & HealthChronischer Stress, Darmflora und das Herz: Was der Körper über die Psyche verrät
5 Sprachen · 11 Quellen