
Brasiliens Inflationsüberraschung beflügelt Zinssenkungshoffnungen und treibt Börse auf Mai-Hoch
Ein unerwartet schwacher Preisanstieg im Juni lässt die Wetten auf eine baldige Lockerung der Geldpolitik in Brasilien steigen und verhilft dem Ibovespa zum stärksten Tag seit März.
Die am Freitag veröffentlichte offizielle Inflationsrate Brasiliens hat die Märkte in São Paulo in eine Rally versetzt. Der IPCA stieg im Juni gegenüber dem Vormonat lediglich um 0,16 Prozent, teilte das Statistikamt IBGE mit. Das war nicht nur der geringste Anstieg für einen Juni seit drei Jahren, sondern lag auch deutlich unter der medianen Prognose der von Bloomberg befragten Ökonomen von 0,31 Prozent. Auf Jahressicht fiel die Teuerung von 4,80 auf 4,64 Prozent und näherte sich damit dem oberen Ende des Toleranzbands der Zentralbank von 4,5 Prozent an. Der Leitindex Ibovespa schloss daraufhin mit einem Plus von 2,97 Prozent bei 177.866 Punkten – dem höchsten Stand seit Mitte Mai. Der brasilianische Real legte gegenüber dem Dollar zu, und die Renditen der DI-Futures fielen über die gesamte Kurve hinweg um bis zu 19 Basispunkte.
Auslöser der Kursbewegungen war die veränderte Erwartung an die Geldpolitik. Die Zentralbank Brasiliens hatte den Leitzins Selic zuletzt auf 14,25 Prozent gesenkt, den weiteren Pfad aber von der Datenlage abhängig gemacht. Der überraschend milde Preisauftrieb – getrieben von fallenden Nahrungsmittelpreisen, die im Monatsvergleich um 0,24 Prozent nachgaben, sowie einer Abschwächung bei Industriegütern und Dienstleistungen – nährte die Erwartung, dass das Copom auf seiner Sitzung am 5. August einen weiteren Zinsschritt von 25 Basispunkten vornehmen wird. Die an der B3 gehandelten Optionen preisten diese Wahrscheinlichkeit zuletzt mit über 80 Prozent ein, nachdem sie noch Mitte Juni bei unter 30 Prozent gelegen hatte. Marcela Kawauti, Chefvolkswirtin von Lifetime Investimentos, erklärte, die Aussicht auf niedrigere Kapitalkosten sei „sehr günstig für Unternehmen und börsennotierte Aktien“.
Die Rally erfasste nahezu den gesamten Markt: 77 der 78 Ibovespa-Titel schlossen im Plus. Auch die breiteren Indizes profitierten; der Small-Cap-Index notierte nahe seinem Allzeithoch. Während in Brasilien die Binnenkonjunktur im Fokus stand, blieben die globalen Rahmenbedingungen gemischt. Die Rohölpreise gaben leicht nach, obwohl die Spannungen zwischen den USA und dem Iran im Persischen Golf fortbestehen. In Indien beendete der Sensex die Woche mit einem marginalen Minus von 0,3 Prozent, gestützt von einer Erholung im IT-Sektor nach starken Quartalszahlen von TCS. Der indonesische IHSG legte im Wochenverlauf um 0,83 Prozent zu. Aus Washingtoner Sicht blieb der Ton konfrontativ: Präsident Trump erklärte die Waffenruhe mit Teheran für beendet, stimmte aber Gesprächen zu.
Trotz der Euphorie mahnen Beobachter zur Vorsicht. Die Jahresinflation liegt weiterhin über dem Zielwert, und die Kernrate der arbeitsintensiven Dienstleistungen beschleunigte sich sogar auf 0,55 Prozent. Zudem könnten das Wetterphänomen El Niño ab August die Lebensmittelpreise wieder antreiben und die fiskalischen Stimuli der Regierung Lula die Nachfrage anheizen. André Braz vom FGV/Ibre verwies darauf, dass die gesunkene Gesamtinflation für einkommensschwache Haushalte kaum spürbar sei, da Nahrungsmittel im bisherigen Jahresverlauf um 4,56 Prozent zugelegt hätten. Der nächste richtungsweisende Termin ist die Copom-Entscheidung am 5. August, ergänzt um die Veröffentlichung weiterer Konjunktur- und Preisdaten in den kommenden Wochen.
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