
Eine Tasse Chai in Mumbai: Nolans ‚Odyssee‘ zwischen Weltkino und Identitätsstreit
Christopher Nolans Homer-Adaption entfacht mit Staraufgebot, globaler Drehort-Recherche und Casting-Kontroversen eine Debatte über antike Mythen im 21. Jahrhundert.
An einem Samstagnachmittag im Juli 2026 betraten drei Männer das Olympia Coffee House im Mumbai Stadtteil Colaba. Sie bestellten Chai, Bun Maska und leichte Snacks, blieben kaum eine Viertelstunde. Dass es sich um den Regisseur Christopher Nolan sowie die Schauspieler Tom Holland und Matt Damon handelte, bemerkte das Personal erst, als die Menge draußen anwuchs und später eine Google-Suche Klarheit brachte: Der eine war der Spider-Man-Darsteller. Wenige Stunden später fand die indische Premiere von Nolans neuem Werk „The Odyssey“ statt, einer Adaption des homerischen Epos, die der Brite mit einem Budget von 250 Millionen Dollar und einem Aufgebot an Stars realisierte.
Das Werk, das auf Nolans oscarprämiertes „Oppenheimer“ folgt, stützt sich auf die moderne Übersetzung der britischen Altphilologin Emily Wilson aus dem Jahr 2017, die den antiken Stoff in eine klare, zeitgenössische Sprache fasst. Nolan selbst beschrieb die Dreharbeiten, die ihn mit der Crew von Sizilien über Island bis nach Marokko und in die schottischen Highlands führten, als „eine wahre Hölle, aber im positiven Sinne“. Für die Szenen mit dem Zyklopen Polyphem in einer Höhle auf dem Peloponnes mussten vierzig Schafe ins Dunkel transportiert werden – Matt Damon berichtete von einem beißenden Gestank und Bienenschwärmen am Eingang.
Die Besetzung entfachte indes Debatten, die weit über Fragen der Schauspielkunst hinausreichen. So sorgte die Entscheidung, die kenianisch-mexikanische Schauspielerin Lupita Nyong’o als Helena von Troja zu verpflichten, in Griechenland und in konservativen Kreisen der USA für scharfe Kritik. Man berief sich auf Homers Beschreibung der „weißarmigen“ und von Sappho als „goldhaarig“ besungenen Helena. Die Regisseurin und Aktivistin Anna Paola Concia verwies auf die Ironie, dass ausgerechnet Verfechter der „cultural appropriation“-Doktrin nun selbst zum Ziel von Identitätsvorwürfen würden. Ein ähnlich erbitterter Streit entbrannte um die Besetzung des transsexuellen Schauspielers Elliot Page, der ursprünglich als Achilles gehandelt wurde, bevor bekannt wurde, dass er tatsächlich die Nebenfigur Sinon spielt. In der schwedischen Presse analysierte man dies als Beispiel für die tiefe Verunsicherung, die das Sichtbarwerden von Minderheiten im öffentlichen Raum auslöst – und verwies zugleich auf die queerpolitische Dimension der antiken Mythen selbst, etwa die Beziehung zwischen Achilles und Patroklos.
Die globale Vermarktung setzt auf spektakuläre Bilder und die Aura des Epos. In Mumbai band man den Besuch geschickt in eine lokale Erzählung ein – die Fotos der drei Hollywood-Größen beim Chai gingen viral. Zugleich meldeten sich die deutschsprachigen Feuilletons zu Wort, wo man den Film als Prüfstein für das Verhältnis von Originaltreue und künstlerischer Freiheit diskutiert. Ob der Film das hält, was die Kontroversen versprechen, bleibt offen. Vielleicht aber erzählt gerade die Szene im Mumbai Café, mit einem Regisseur, der Google-Suche der Bedienung und der globalen Bilderflut, am meisten über jene Kraft, die Homers Epos seit Jahrtausenden entfaltet: Es bringt Welten durcheinander – und zusammen.
| Kontinentaleuropäische Presse | 0.00 | neutral |
|---|---|---|
| Südostasiatische Presse | 0.00 | neutral |
| Lateinamerikanische Presse | −0.30 | critical |
| Indische & südasiatische Presse | +0.50 | aligned |
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