
Antiterroreinheit übernimmt Ermittlungen zum Tod der Brexit-Politikerin Ann Widdecombe
Nach anfänglichem Ausschluss eines politischen Motivs leitet nun die britische Antiterrorpolizei die Untersuchung; ein 28-jähriger Verdächtiger wurde erneut festgenommen.
Die britische Antiterrorpolizei hat die Ermittlungen zum gewaltsamen Tod der ehemaligen konservativen Abgeordneten und Reform-UK-Sprecherin Ann Widdecombe übernommen. Wie die Leitung der Counter Terrorism Policing South East am Montag mitteilte, seien im Zuge der „dynamischen und komplexen“ Untersuchung neue Informationen und Beweise ans Licht gekommen. Der bereits am Samstag in Rotherham, South Yorkshire, festgenommene 28-jährige weiße Brite wurde daraufhin erneut verhaftet – nun unter dem Verdacht der Begehung, Vorbereitung oder Anstiftung terroristischer Handlungen. Zuvor hatte die Polizei von Devon und Cornwall erklärt, es gebe keine Hinweise auf ein politisch motiviertes Verbrechen oder einen terroristischen Hintergrund.
Aus Londoner Regierungskreisen hieß es, Innenministerin Shabana Mahmood habe das Unterhaus über die Entwicklung informiert und betont, der Verdächtige sei dem staatlichen Präventionsprogramm Prevent nicht bekannt gewesen. Mahmood kündigte zudem eine Überprüfung der Sicherheitshinweise für ehemalige Abgeordnete an. Reform UK, die Partei, für die Widdecombe als migrationspolitische Sprecherin tätig war, äußerte durch ihren Innenexperten Zia Yusuf den Vorwurf, der Staat gewähre Abgeordneten der Partei „keinerlei Schutz“. Parteiführer Nigel Farage, der nach eigenen Angaben ein als unzureichend bewertetes staatliches Sicherheitspaket abgelehnt hatte, nahm ein Gesprächsangebot Mahmoods mit der für Personenschutz zuständigen Stelle an. Aus den Reihen der oppositionellen Konservativen verwies der innenpolitische Sprecher Chris Philp auf die reale Bedrohungslage für Politiker und erinnerte an die Morde an den Abgeordneten Jo Cox und David Amess.
Die Übernahme des Falls durch die Antiterroreinheit markiert eine deutliche Korrektur der ursprünglichen polizeilichen Einschätzung. Britische Medienberichte deuten die Kehrtwende als Folge von Videoaufnahmen, die den Verdächtigen am Morgen des Tattages mit einem holzstabähnlichen Gegenstand beim Verlassen seines Wohnorts zeigen. Die rund 430 Kilometer lange Fahrt von Rotherham zum Tatort in Haytor, Devon, sowie die Schwere der Verletzungen des Opfers nähren nach Darstellung von Ermittlerkreisen die Vermutung einer gezielten Tat. Gleichzeitig betonte die Polizei, es bestehe keine Gefahr für die breite Öffentlichkeit.
Ann Widdecombe, die von 1987 bis 2010 für die Konservativen im Unterhaus saß und später als Brexit-Party-Abgeordnete ins Europaparlament einzog, war eine prominente Stimme des EU-skeptischen Lagers. Ihr Tod fällt in eine Phase erhöhter politischer Spannungen im Vereinigten Königreich, in der Reform UK in Umfragen vorne liegt und die Sicherheit von Mandatsträgern erneut ins Zentrum der Debatte rückt. Die Ermittlungen dauern an; mit einer Anklageerhebung wird nach Abschluss der polizeilichen Befragungen gerechnet.
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