
Orlando Gill, der Held von Boston: Paraguay eliminiert Deutschland im Elfmeterschießen
Mit zwei parierten Elfmetern beendet der paraguayische Torhüter eine deutsche WM-Tradition und beschert seinem Land den Einzug ins Achtelfinale.
Als Nick Woltemade in der sechsten Runde des Elfmeterschießens anlief, lag die gesamte Spannung des Abends in den Händen von Orlando Gill. Der 26-jährige Torhüter Paraguays ahnte die Ecke, tauchte ab und lenkte den Ball um den Pfosten – es war bereits sein zweiter gehaltener Strafstoß, nachdem er zuvor Kai Havertz scheitern ließ. Wenig später setzte José Canale den entscheidenden Schuss zum 4:3 für Paraguay, und die Sensation war perfekt: Der viermalige Weltmeister Deutschland schied im Achtelfinale der WM 2026 aus, erstmals in der Turniergeschichte nach einem Elfmeterschießen.
Dabei hatte sich die Partie im Gillette Stadium von Foxborough über 120 Minuten als zähes Ringen dargestellt. Paraguay ging durch Julio Enciso kurz vor der Pause in Führung, doch Deutschland glich nach dem Seitenwechsel durch Kai Havertz aus. In der Verlängerung drängte die Mannschaft von Bundestrainer Nagelsmann auf den Sieg, scheiterte aber mehrfach am glänzend reagierenden Gill, der insgesamt sechs Paraden zeigte und auch bei einem Kopfball von Jonathan Tah sowie einem olympiareifen Eckball von Joshua Kimmich rettete. Aus deutscher Sicht war das Ausscheiden ein Schock, der das Ende einer stolzen Serie bedeutete: Viermal hatte die DFB-Elf zuvor bei Weltmeisterschaften vom Punkt gewonnen, nun riss diese Tradition.
Gills Weg zu diesem Abend war von Entbehrungen geprägt. In paraguayischen und argentinischen Medien wurde nach dem Spiel die Geschichte seiner Familie erzählt: Als sein Sohn um sein Leben kämpfte, verkaufte der damals noch unbekannte Keeper Trikots und Fußballschuhe, um die Behandlung zu finanzieren. Über den Club Sportivo San Lorenzo in seiner Heimatstadt gelangte er 2024 zu San Lorenzo de Almagro nach Buenos Aires, wo er sich nach einer langen Sperre wegen Ausländerkontingenten und dank Verletzungen anderer Torhüter in die Stammelf spielte. Der frühere Nationaltorhüter José Luis Chilavert hatte ihn zu Turnierbeginn noch für mangelnde Kommunikation kritisiert; Gill antwortete auf dem Platz und widmete den Triumph seinem erkrankten Neffen.
Für Paraguay bedeutet der Einzug ins Achtelfinale den größten Erfolg seit Jahren. Die Mannschaft von Gustavo Alfaro, die bereits in der Vorrunde mit einer defensiven Stabilität überraschte, trifft nun auf den Sieger der Partie Frankreich gegen Schweden. Während in Asunción und Buenos Aires die Zeitungen Gill als „Helden“ feiern, richtet sich der Blick in Deutschland bereits auf die Analyse des Scheiterns – und auf die Frage, wie eine erfolgsverwöhnte Fußballnation mit dem vorzeitigen K.o. umgeht.
Wie dieselbe Geschichte anderswo erzählt wird.
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Orlando Gill, der Torhüter, der einst Trikots seines Vereins verkaufte, um seine Familie zu ernähren, schrieb Weltcup-Geschichte, als er zwei Elfmeter gegen Deutschland hielt. Von der Kritik zum Ruhm verkörpert seine Geschichte persönliche Erlösung und Revanche nach dem kürzlichen Ausscheiden mit San Lorenzo. Der Held von Boston bescherte Paraguay eine unvergessliche Nacht und verwandelte Opfer in nationalen Triumph.
Orlando Gills entscheidende Leistung gegen Deutschland war das Ergebnis akribischer Vorbereitung: jeden Spieler und jedes Detail analysieren. Der paraguayische Torhüter erklärte ruhig seine Herangehensweise und widmete den Erfolg einem erkrankten Angehörigen. Ein technischer, zurückhaltender Bericht, fernab von triumphalen Tönen.
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