
Zwischen Botox und Nostalgie: Stephen Chows neuer Film spaltet China
Während Frauen in Pekinger Schönheitskliniken für ewige Jugend campieren, entzweit Stephen Chows „Kung Fu Soccer“ das Publikum – ein Land auf der Suche nach dem, was einmal war.
In einer Pekinger Beauty-Klinik, kurz vor neun Uhr abends, liegen die ersten Patientinnen bereits unter den Nadeln. Andere haben die Nacht im Schlafsack vor der Tür verbracht, um nur ja nicht zu spät zu kommen. Es ist Injektions-Tag, und die Reichen und Schönen der Hauptstadt wollen noch schöner werden – mit Botox, Fillern, Stammzell-Therapien. Yang Mingming, die früher bei der Parteizeitung „People’s Daily“ arbeitete und heute Schönheitsbehandlungen und Versicherungen verkauft, sagt: „Vor wenigen Jahren hätten sich diese Frauen vielleicht eine teure Handtasche gekauft. Jetzt kaufen sie sich die ewige Jugend.“ Es ist ein Bild, das eine tiefe Verunsicherung spiegelt, eine Sehnsucht nach dem Bewahren in einem Land, dessen großer Aufbruch vorbei ist.
Wenige Tage später, in den Kinosälen Chinas, entfaltet sich eine andere Form der Rückbesinnung. Stephen Chow, der Meister des „mo lei tau“-Humors, bringt nach sieben Jahren Pause „Kung Fu Soccer“ auf die Leinwand – eine Hommage an seinen Klassiker „Shaolin Soccer“ von 2001. Der Film, der eine unterschätzte Frauenfußballmannschaft auf ihrem Weg zum Titel begleitet, spielte an den ersten vier Tagen über 660 Millionen Yuan ein und wurde zum erfolgreichsten Sommerfilmstart seit fünf Jahren. Doch der kommerzielle Triumph verdeckt eine tiefe Spaltung: Auf der Bewertungsplattform Douban pendelt sich der Film bei 6,6 von 10 Punkten ein. Viele Zuschauer klagen über veraltete Witze, abrupte Charakterentwicklungen und eine Handlung, die an eine Aneinanderreihung von Kurzvideos erinnere. Andere stören sich an den grellen visuellen Effekten – leuchtende Fußballfelder, Spielerinnen, die sich in Tiger und Drachen verwandeln. Ohne Chow selbst als Darsteller, so der Tenor in chinesischen sozialen Medien, wirkten die Versuche der Schauspieler, seinen Stil zu imitieren, hölzern und fingen die Magie nicht ein.
Dabei hatte Chow alles darangesetzt, die Brücke zur Vergangenheit zu schlagen. Aus Hongkong wurde berichtet, dass er mit Wong Yat-fei, dem Darsteller des „Eisenkopfes“ aus dem Original, wieder zusammenarbeitet – ein Moment, der in einem viralen Video festgehalten wurde, unterlegt mit dem klassischen Dialog: „Der erste Bruder ist zurück, ich habe das Gefühl, alles ist zurück.“ Auch Lam Chi-cung, der einst den schwebenden „Leichtgewicht“-Bruder spielte, kehrt zurück, diesmal als Regieassistent. Doch für viele Zuschauer reicht die Nostalgie nicht. „Nicht die Zuschauer schulden Chow einen Kinobesuch, sondern der Regisseur schuldet ihnen die Eintrittskarte“, spotteten manche in Anspielung auf die frühere Anti-Piraterie-Kampagne. Andere warfen dem Film Sexismus vor, weil Spielerinnen Schiedsrichter mit anzüglichen Gesten ablenken.
Die gespaltene Resonanz verweist auf einen tieferen Wandel. In Peking und anderen Metropolen boomen derweil Rentner-Clubs, die einer Generation, die in den Wirtschaftswunderjahren Wohlstand aufbaute, neue Bühnen bieten. Hou, 64, läuft in einem orangefarbenen Qipao über den Catwalk, nimmt Schauspielrollen an, lernt Salsa und Löwentanz. „Wir haben Ideen. Wir wollen nicht nur Tee trinken und Enkel hüten“, sagt sie. Über 500 solcher Clubs gibt es landesweit, manche erwirtschaften Millionengewinne. Gleichzeitig zieht es junge Ausländer wie den amerikanischen Barkeeper Nick Lappen nach Chengdu, der dort eine Rum-Bar eröffnete und die Wärme der Menschen und das langsamere Leben schätzt. Er will das Vorurteil widerlegen, alles aus China sei minderwertig – von Naturweinen aus Ningxia bis zu Craft-Bier aus Guiyang.
Doch der Glanz der Aufstiegsjahre ist stumpf geworden. Die Immobilienkrise hat auch Pekinger Eigentumswohnungen im Wert sinken lassen, Restaurants wirken halb leer, und die Elite sucht ihr Heil in Versicherungen und Botox. „Niemand weiss, was morgen ist. Schon gar nicht in China“, sagt Yang Mingming. In dieser Stimmung wird ein Film wie „Kung Fu Soccer“ zum Prisma: Für die einen ein Trost, der kurz die alte Magie aufblitzen lässt, für die anderen ein schales Versprechen, das sofort von überdrehten Effekten und abgestandenen Pointen durchbrochen wird. Am Ende bleibt das Bild einer Gesellschaft, die sich in den Wartezimmern der Schönheitskliniken und den verdunkelten Kinosälen dieselbe Frage stellt: Was von dem, was einmal war, lässt sich noch retten?
| Kontinentaleuropäische Presse | −1.00 | critical |
|---|---|---|
| Chinesische Presse | +1.00 | aligned |
| Atlantische / angloamerikanische Presse | +1.00 | aligned |
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