
Das Kauderwelsch der Stummfilmstars: Wie die Minions das alte Hollywood wiederbeleben
Mit „Minions & Monsters“ wagt die erfolgreichste Animationsfilmreihe einen überraschenden Sprung in die 1920er Jahre und wird von der Kritik als liebevolle Hommage an die Kinogeschichte gefeiert.
Es ist ein mühsamer, fast meditativer Prozess, den Pierre Coffin in einem Tonstudio durchläuft. Der französisch-indonesische Animator und Regisseur, seit 2010 die Stimme aller Minions, sucht nicht nach Worten, sondern nach Melodien. „Was ich mit den Stimmen der Minions mache, ist ein quälend langsamer Prozess, bei dem ich versuche, die richtige Melodie zu finden“, verriet er der britischen Presseagentur PA. Jede Emotion, jede slapstickhafte Handlung muss sich in einem rhythmischen Kauderwelsch aus onomatopoetischen Lauten und Sprachfetzen verschiedener europäischer Sprachen spiegeln. Ein Stock, der die Autorität eines gelben Wesens unterstreicht, wird einem anderen weggenommen – und ohne ein einziges verständliches Wort begreift das Publikum den Kontrollverlust. Diese präzise körperliche Komik, die Coffin seinen Figuren einhaucht, bildet den Kern eines filmischen Experiments, das nun in die goldene Ära des Stummfilms zurückführt.
In „Minions & Monsters“, dem siebten Kinofilm des „Ich – Einfach unverbesserlich“-Universums, verschlägt es die kleinen gelben Kreaturen ins Hollywood der 1920er Jahre. Die Handlung, angesiedelt lange vor den bisherigen Prequels, folgt den Minions James und Henry, die durch Zufall auf ein Filmset geraten und zu Stars des Stummfilms aufsteigen. Als der Tonfilm ihre Karriere jäh beendet – ihr „Minionisch“ ist für gesprochene Dialoge unbrauchbar –, beschließen sie, selbst einen Monsterfilm zu drehen. Ein uraltes Zauberbuch soll echte Ungeheuer herbeirufen, was erwartungsgemäß im Chaos endet. Was folgt, ist eine turbulente Jagd, die zugleich eine Verbeugung vor den ganz Großen der Kinogeschichte ist: Szenen zitieren Charlie Chaplin, Buster Keaton und Harold Lloyd, und eine besonders liebevolle Referenz gilt Orson Welles’ „Citizen Kane“.
Die Resonanz auf diesen Kurswechsel ist bemerkenswert. Auf der Kritikerplattform Rotten Tomatoes erreichte der Film eine Zustimmungsrate von 93 Prozent – ein historischer Höchstwert für das gesamte Franchise, das zuvor zwischen 55 und 75 Prozent pendelte. Mexikanische Medien wie „Excelsior“ sprechen von einer „echten, intelligenten und fließenden Geschichte“, die den Eindruck einer bloßen Aneinanderreihung von Sketchen hinter sich lasse. Die argentinische Zeitung „La Nación“ würdigt den Film als „aufrichtige, bewegende und sehr lustige Danksagung an das Kino“, während das italienische Magazin „Panorama“ die vielen cineastischen Anspielungen von „Casablanca“ bis „Der weiße Hai“ hervorhebt. Coffin selbst, der das Drehbuch gemeinsam mit Brian Lynch verfasste, betonte, er habe keinen weiteren Minion-Film nach immer gleichem Muster drehen wollen. Die Freiheit, die Handlung um das Filmemachen selbst zu weben, habe ihn gereizt, etwas Neues zu wagen.
Für das deutschsprachige Publikum entfaltet der Film eine besondere Note durch die Synchronisation. In der italienischen Fassung leiht der Komiker Maccio Capatonda einem Regisseur seine Stimme, der an Ernst Lubitsch und Billy Wilder erinnert; in der spanischsprachigen Version debütiert der mexikanische Sportjournalist Alberto Lati als Sprecher. Die globale Vermarktung setzt auf lokale Identifikationsfiguren, während die visuelle Erzählung universell funktioniert. Gerade in den ersten, fast dialogfreien Passagen, wenn die Minions durch die Kulissen der noch jungen Traumfabrik tollen, entfaltet sich eine reine, fast archaische Form der Komik, die an die Slapstick-Pioniere erinnert. Dass der Film in vielen Ländern fast ausschließlich in synchronisierten Fassungen gezeigt wird, wie „La Nación“ für Argentinien beklagt, mag Cineasten schmerzen, ändert aber nichts an der Kraft der Bilder.
Am Ende bleibt das Bild einer kleinen gelben Hand, die nach einem Stück Filmgeschichte greift. Wenn James, der träumerische Minion, mit einem alten magischen Buch und der Hilfe seiner Freunde versucht, seinen eigenen Monsterfilm zu inszenieren, dann ist das nicht nur eine aberwitzige Handlung, sondern ein Spiegel der Entstehungsgeschichte des Kinos selbst: ein bisschen naiv, voller Pannen, aber getrieben von einer unbändigen Lust am Erzählen. Dass ausgerechnet die sprachlosen Minions zu Botschaftern dieser Botschaft werden, ist die vielleicht schönste Pointe eines Sommers, in dem die Kinosäle wieder einmal beweisen, warum sie unersetzlich sind.
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