
Der Polizist, der die Welt zum Tanzen brachte: Zum Tod von Victor Willis
Victor Willis, Frontmann der Village People und Co-Autor von „Y.M.C.A.“, starb mit 74 Jahren – ein Lied, das zwischen schwuler Hymne und Trump-Hit oszilliert.
Im vergangenen Sommer brach Victor Willis auf einer Bühne in Palermo zusammen, kurz nachdem er „Macho Man“ gesungen hatte. Der Mann im Polizistenkostüm, der jahrzehntelang die Tanzflächen der Welt beherrscht hatte, wurde in einen Krankenwagen getragen. Es war ein seltener Moment der Verletzlichkeit für eine Figur, die stets als Archetyp maskuliner Stärke auftrat – und zugleich als deren ironische Brechung. Nun ist Willis, wie seine Frau und die Band auf Facebook mitteilten, am 30. Juni 2026 im Alter von 74 Jahren an einer kurzen, aber aggressiven Krankheit gestorben, einen Tag vor seinem 75. Geburtstag.
Willis, 1951 in Dallas geboren und in San Francisco als Sohn eines Baptistenpredigers aufgewachsen, war die treibende Stimme hinter den Village People. Gemeinsam mit den französischen Produzenten Jacques Morali und Henri Belolo schuf er ab 1977 ein Disco-Phänomen, das mit Kostümen – Polizist, Bauarbeiter, Cowboy – Stereotype zelebrierte und zugleich unterlief. Seine raue, soulgetränkte Stimme prägte Welthits wie „In the Navy“, „Go West“ und vor allem „Y.M.C.A.“, das 1978 in 17 Ländern die Charts anführte. Doch der Erfolg war brüchig: Willis verließ die Gruppe 1980, kämpfte mit Kokainabhängigkeit und lebte zeitweise in einem Trailerpark, bevor er 2006 eine gerichtlich angeordnete Therapie abschloss. Ein jahrelanger Rechtsstreit um die Urheberrechte an 13 Songs, darunter „Y.M.C.A.“, endete 2015 mit einem Vergleich, der ihm die Hälfte der Rechte zusprach und 2017 die Rückkehr zur Band ermöglichte.
Das Lied, das ihn unsterblich machte, entfaltete ein widersprüchliches Eigenleben. Von Beginn an als Hymne der schwulen Community verstanden – die Zeilen über junge Männer, die im Christlichen Verein Junger Männer „alles zum Vergnügen“ finden, ließen an Eindeutigkeit wenig zu wünschen übrig –, wurde es Jahrzehnte später zum festen Bestandteil der Wahlkampfauftritte Donald Trumps. Der designierte Präsident tanzte dazu bei Kundgebungen, nach seinem Wahlsieg 2024 und schließlich bei der Amtseinführung im Januar 2025, wo die Village People live auftraten. Willis selbst hatte sich 2020 noch gegen die Nutzung verwahrt und in einem BBC-Interview erklärt, weder er noch die Band unterstützten Trump. Später vollzog er eine Kehrtwende: Er sprach von einer „globalen Hymne“, die das Land einen solle, und räumte ein, die finanzielle Seite sei „großartig“ gewesen. Gleichzeitig drohte er Medien mit Klagen, die „Y.M.C.A.“ als schwulen Song bezeichneten – ein bemerkenswerter Versuch, die Deutungshoheit über ein Werk zurückzugewinnen, das längst kulturelles Gemeingut geworden war.
Aus europäischer Perspektive, insbesondere in Frankreich, wo die Produzenten Morali und Belolo herstammten, galt die Vereinnahmung durch Trump als bizarre Wendung. Le Figaro erinnerte daran, dass der ursprünglich karitative Hintergrund des YMCA kaum noch wahrgenommen werde; die Choreographie mit den zu Buchstaben geformten Armen habe sich über Generationen verselbständigt. In Italien, wo Willis im Sommer 2025 kollabierte, hatte La Repubblica noch kurz zuvor ein Interview veröffentlicht, in dem der Sänger das Polizistenkostüm als Symbol der Autorität deutete – eine Rolle, die er als Frontmann bewusst gewählt habe. Deutsche Feuilletons wie die Süddeutsche Zeitung unterstrichen die subversive Kraft einer Gruppe, die es schaffte, „den Rednecks aller Länder die weltgrößte Schwulenhymne unterzujubeln“ – ein Urteil, das Willis selbst zuletzt vehement zurückwies.
So bleibt das Bild eines Mannes, der mit seiner Musik Grenzen sprengte, die er später selbst zu ziehen versuchte. Der Sohn eines Predigers, der Gospel, Jazz und Soul in sich aufsog, wurde zum Gesicht einer Disco-Ära, deren grelle Kostüme und eingängige Refrains bis heute Hochzeiten, Sportarenen und politische Bühnen gleichermaßen bespielen. Dass ausgerechnet jener Song, der einst queere Lebensfreude feierte, nun als Soundtrack einer konservativen Bewegung dient, ist vielleicht die letzte Pointe eines Künstlerlebens, das sich einfachen Zuschreibungen stets entzog. Victor Willis starb, bevor er seinen 75. Geburtstag begehen konnte – doch der Refrain von „Y.M.C.A.“ wird weitertönen, ungerührt von allen Deutungskämpfen.
Wie dieselbe Geschichte anderswo erzählt wird.
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Victor Willis' Tod wird gemeldet, doch der Fokus liegt auf einem wieder aufgetauchten Clip, in dem er Donald Trump aufforderte, die Musik der Village People nicht mehr bei Kundgebungen zu spielen, was die politische Distanz der Band betont.
Der Tod des Village-People-Frontmanns, bekannt für Y.M.C.A., Trumps Lieblingslied, wird mit einem Hauch von Ironie verkündet, wobei daran erinnert wird, dass der Song trotz Kontroversen weiterhin bei politischen Veranstaltungen gespielt wird.
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