
Fossilienfunde in Antarktis, Ägypten und im Labor werfen neues Licht auf die Verbreitung und Abstammung urzeitlicher Wirbeltiere
Ein jahrzehntelang übersehener Wirbel, ein Flugsaurierknochen aus der Wüste und eine anatomische Neubewertung der Schildkröten-Evolution verändern das Bild der biogeografischen Zusammenhänge der späten Kreidezeit und der Stammesgeschichte der Reptilien.
Drei unabhängige paläontologische Arbeiten, veröffentlicht in Fachzeitschriften wie Acta Palaeontologica Polonica und Current Biology, korrigieren etablierte Vorstellungen über die Ausbreitung von Dinosauriern, die Herkunft der Schildkröten und die Flugfauna Nordafrikas. Ein 1985 auf der antarktischen James-Ross-Insel geborgener und zunächst als Meeresreptil fehlbestimmter Wirbel wurde nach vier Jahrzehnten in der Sammlung des British Antarctic Survey als erster Dinosaurierknochen des Kontinents identifiziert. Die etwa zehn Zentimeter breite Schwanzwirbel eines Titanosauriers belegt, dass diese langhalsigen Pflanzenfresser vor rund 70 Millionen Jahren die damals bewaldete Antarktis besiedelten. Zeitgleich dokumentierte ein Team der Universität Mansura erstmals einen Flugsaurier (Pterosauria) in Ägypten: Ein Flügelknochen aus der Bahariya-Oase mit einer geschätzten Spannweite von vier Metern schließt eine Lücke im Verbreitungsbild dieser fliegenden Reptilien, die zuvor in der Region nur durch fragmentarische oder im Zweiten Weltkrieg verlorene Funde belegt waren.
Die antarktische Wirbel, gefunden in marinen Sedimenten zusammen mit Ammoniten, erlaubt eine präzise Datierung und stützt die Hypothese, dass die Antarktische Halbinsel als Korridor für die Ausbreitung von Titanosauriern zwischen Südamerika und Neuseeland diente. Aus Londoner Sicht betont Paul Barrett vom Natural History Museum, dass das Fossil trotz seiner geringen Größe eine Schlüsselrolle für das Verständnis der südlichen Faunenprovinzen spielt. Die ägyptische Entdeckung, an der Forscher aus Mansura, Denver und Pittsburgh beteiligt waren, ergänzt das Ökosystem der Bahariya-Formation, aus der bereits Spinosaurus und Paralititan bekannt sind, um die Dimension des Luftraums. Beide Funde unterstreichen, dass die biogeografischen Verbindungen der späten Kreidezeit über die Kontinentalbrücken Gondwanas hinweg komplexer waren als lange angenommen.
Eine separate, in Current Biology publizierte Studie stellt die jahrzehntelang favorisierte Abstammung der Schildkröten vom permischen Reptil Eunotosaurus africanus infrage. Ein Team um Xavier Jenkins vom American Museum of Natural History und Jonah Choiniere von der University of the Witwatersrand untersuchte 226 Fossilien mittels hochauflösender Computertomographie. Die Analyse ergab, dass die verbreiterten Rippen des Eunotosaurus eine konvergente Anpassung an eine grabende Lebensweise darstellen und nicht den Vorläufer des Panzers bilden. Stattdessen weisen Merkmale des Hirnschädels, des Steigbügels im Ohr und des fünften Mittelfußknochens die frühesten Schildkröten als Angehörige der Archosauromorpha aus – einer Gruppe, die auch Krokodile, Vögel und Dinosaurier umfasst. Aus südafrikanischer Perspektive ordnet Choiniere dies als Beleg für eine engere Verwandtschaft der Schildkröten mit Vögeln und Krokodilen ein, als bisher angenommen.
Die Neubewertung der Schildkröten-Evolution, die auf anatomischen Merkmalen statt allein auf genetischen Distanzdaten beruht, verlagert die Suche nach dem ersten Panzerträger in ein ökologisch anderes Umfeld. Während der Eunotosaurus als grabender Wüstenbewohner galt, müsste der tatsächliche Vorfahr nun unter den frühen Archosauriern des Perm-Trias-Übergangs gesucht werden. Die Debatte ist damit nicht abgeschlossen: Der Wirbeltierpaläontologe Tyler Lyson vom Denver Museum of Nature & Science, der 2016 für die Eunotosaurus-Hypothese argumentierte, bezeichnet die neue Arbeit als wichtigen Schritt, hält aber an seiner Skepsis fest. Spencer Lucas vom New Mexico Museum of Natural History stimmt der Ablehnung des Eunotosaurus zu, sieht die Einordnung bei den Archosauriern jedoch als verfrüht an.
Die nächsten Schritte sind in allen drei Fällen an weitere Feldarbeit und Sammlungsrevisionen gebunden. In der Antarktis könnten sich mit dem fortschreitenden Eisrückgang neue Aufschlüsse öffnen, die das spärliche Dinosaurier-Material des Kontinents ergänzen. In Ägypten laufen die Ausgrabungen in der Bahariya-Oase weiter, um das Bild der dortigen Wirbeltierfauna zu vervollständigen. Für die Schildkröten-Evolution wird die Entdeckung noch älterer Stammgruppenvertreter mit erhaltenen Schädel- und Fußmerkmalen als entscheidend angesehen, um die archosaurische Verwandtschaft endgültig zu prüfen.
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Ein 40 Jahre lang in einer Schublade vergessenes Fossil wurde als erster Dinosaurierknochen der Antarktis identifiziert und zeigt, dass Titanosaurier vor 70 Millionen Jahren gemäßigte Wälder durchstreiften. Unterdessen überdenken Forscher die Entstehung des Schildkrötenpanzers, ein evolutionäres Rätsel. Diese übersehenen Funde zeichnen die Karte der prähistorischen Welt neu.
Der evolutionäre Ursprung der Schildkröten bleibt ein Rätsel; neue Forschungen lenken den Fokus vom urzeitlichen Eunotosaurus auf genetische Verbindungen zu Krokodilen und Vögeln. Die Debatte über den Vorfahren der Schildkröte geht weiter, da die einzigartige Anatomie des Panzerträgers eine einfache Einordnung erschwert.
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