
Schwarze Fahnen in den Gassen Dhakas: Aschura zwischen Trauer und uralten Riten
Am 10. Muharram gedenken Muslime weltweit der Schlacht von Kerbela – doch der Tag trägt Schichten jüdischer, altarabischer und schiitischer Tradition, die in Dhakas Altstadt sichtbar werden.
Wer an einem Mittwoch im Juli durch die engen Gassen von Chankharpul im alten Dhaka geht, dem schlägt eine stille Trauer entgegen. Von den Balkonen und Gesimsen des historischen Hoseni-Dalan-Imambara flattern schwarze Banner, dazwischen hängen Stoffbahnen mit Trauerbotschaften für die Märtyrer von Kerbela. Auf Holztischen stehen Gläser und Eimer bereit, aus denen ein süßes Rosen-Sherbet an Vorbeikommende ausgeschenkt wird. Frauen, Männer und Kinder drängen sich an diesem Nachmittag in den Imamversammlungsraum, manche zünden Kerzen an, andere werfen Geld in Spendenboxen – eine Geste der Verehrung, die in vielen Familien seit Generationen gepflegt wird, auch in solchen, die sich selbst nicht der schiitischen Tradition zurechnen.
Der zehnte Tag des Monats Muharram, Aschura, ist für einen großen Teil der muslimischen Welt ein Tag der Klage. Im Jahr 61 nach der Hidschra fiel der Enkel des Propheten, Imam Husain, mit seinen Anhängern in der Ebene von Kerbela. Doch die Wurzeln dieses Tages reichen weit hinter dieses Ereignis zurück. In der jüdischen Gemeinde von Medina, so überliefern es die Hadithe, fastete man an diesem Tag zum Gedenken an die Rettung Moses und der Israeliten vor dem Pharao. Der Prophet Muhammad soll diesen Brauch aufgegriffen und empfohlen haben, dazu einen weiteren Fastentag, um sich von der jüdischen Praxis abzuheben. Vorislamische arabische Stämme wiederum betrachteten den Monat Muharram als heilige Zeit, in der Waffen ruhten und die Kaaba neu verhüllt wurde. So trägt Aschura von Beginn an mehrere Schichten: eine jüdische Erinnerung, ein altarabisches Friedensgebot und eine islamische Fastenpraxis, die später durch die Tragödie von Kerbela eine tiefe schiitische Prägung erhielt.
Diese Vielschichtigkeit spiegelt sich heute in den regionalen Ausprägungen des Tages. In Dhaka, wo das Imambara aus der Mogulzeit stammt, hat sich eine bemerkenswerte Durchlässigkeit entwickelt: Die traditionelle Tazia-Prozession, die am Aschura-Morgen vom Hoseni Dalan zum Dhanmondi-See zieht, wird zwar von Schiiten organisiert, doch unter den Teilnehmern finden sich seit Langem auch sunnitische Muslime. Ein Angestellter einer Privatfirma aus Kamrangirchar, der mit Frau und Enkel gekommen war, erklärte, seine sunnitische Familie besuche das Imambara seit seiner Kindheit aus Respekt vor den Märtyrern. In Nigeria hingegen mahnen sunnitische Gelehrte, Aschura nicht als Trauerfest zu begehen, sondern sich auf das freiwillige Fasten und die Reue zu konzentrieren; öffentliche Prozessionen und Klagerituale, die an vorislamische Bräuche erinnerten, seien zu meiden. In Indonesien wiederum hat sich der Muharram als Monat der Waisen etabliert: Moscheen und Stiftungen verteilen Schulsachen und veranstalten Bildungsausflüge, ohne dass ein einzelner Hadith den 10. Muharram als „Fest der Waisen“ ausweisen würde.
Jenseits der rituellen Unterschiede eint die verschiedenen Gemeinschaften die Vorstellung, dass der Muharram eine Zeit der inneren Sammlung und der sozialen Verantwortung ist. In Freitagspredigten, die in Jakarta und Jombang gehalten wurden, riefen die Redner dazu auf, das neue islamische Jahr als Anstoß zur Herzensbildung zu nutzen – nicht durch laute Ermahnungen, sondern durch das Vorbild der Eltern im Alltag. Die Soziologie der Religion, wie sie in Jakartaer Intellektuellenkreisen zitiert wird, deutet solche Feiertage als „Monumente der Zeit“, in denen sich lineare Geschichte und sakrale Wiederholung begegnen und die Gemeinde ihrer Identität vergewissert.
Wenn am Abend des Aschura im Hoseni Dalan die Lichter gelöscht werden und die Gemeinde zur „Same Ghariba“-Versammlung zusammenkommt, verdichtet sich diese Gleichzeitigkeit zu einem stillen Bild. In der Dunkelheit des alten Gebäudes, das schon die Moguln sahen, flackern nur noch die Kerzen vor der Tazia-Nachbildung. Draußen in den Gassen stehen noch die Tische mit den leeren Sherbet-Gläsern, und die schwarzen Fahnen bewegen sich kaum im lauen Monsunwind – ein flüchtiges Zeichen dafür, dass Trauer und Gastfreundschaft an diesem Tag keine Gegensätze sind.
Wie dieselbe Geschichte anderswo erzählt wird.
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Aschura wird als eine muslimische Tradition dargestellt, die in den frühesten Tagen des Islam wurzelt und direkt vom jüdischen Jom Kippur inspiriert ist. Der Artikel erklärt die religiöse Bedeutung auf distanzierte, historische Weise und hebt das gemeinsame abrahamitische Erbe hervor.
Der heilige Monat Muharram wird als Zeit der spirituellen Einkehr, moralischen Erziehung und sozialen Solidarität dargestellt. Predigten und Kommentare fordern die Gläubigen auf, ihre Herzen vor Verleumdung zu schützen, familiäre Bindungen durch vorbildliches Verhalten zu stärken und für Waisen zu sorgen, um das islamische Neujahr zu einem Moment persönlicher und gemeinschaftlicher Erneuerung zu machen.
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