
Rudernde Wikinger und Dudelsack-Heere: Wenn die Fankurve zur Bühne nationaler Identität wird
Norwegens „Viking Row“ erobert nach dem Achtelfinaleinzug die sozialen Netzwerke, während Schottlands Tartan Army mit Kilts und adaptierten argentinischen Melodien ums Weiterkommen bangt.
Mit dem 3:2-Sieg gegen Senegal im MetLife Stadium von New Jersey hat sich Norwegen nicht nur erstmals seit 28 Jahren für eine Weltmeisterschaft qualifiziert, sondern auch den vorzeitigen Einzug in die Runde der letzten 32 perfekt gemacht. Der entscheidende Moment verlagerte sich nach dem Abpfiff von Rasen auf die Ränge: Tausende norwegische Anhänger setzten sich in ihren Sitzschalen nieder, streckten die Arme aus und imitierten im Gleichklang eine Ruderbewegung, während sie „Ro, ro, ro!“ skandierten. Kapitän Martin Ødegaard griff zur großen Trommel, die Spieler reihten sich sitzend ein – eine Choreografie, die binnen weniger Wochen zum globalen Markenzeichen dieser WM geworden ist.
Die „Viking Row“ genannte Geste geht auf den Grundschullehrer Ole Frøystad zurück, der unter dem Spitznamen „Herr Row Row“ die rhythmische Kraft des norwegischen Wortes für „Rudern“ entdeckte. Inspiriert von alten Sprechchören des Vereins Rosenborg Trondheim, verbreitete sich die Bewegung nach einem Testlauf beim Freundschaftsspiel gegen die Schweiz im März lawinenartig. Laut dem Tourismusverband Visit Norway knüpft die kollektive Performance an jahrhundertealte Rudertraditionen an Fjorden und Seen an. In New York erfasste sie Gehsteige, U-Bahn-Waggons und schließlich den Times Square, wo sich norwegische Fans einer riesigen Freiluft-Yogastunde gegenübersahen – ein Bild, das in skandinavischen Medien als „Vorhut der Wikinger vor der Schlacht“ beschrieben wurde.
Aus schwedischer Sicht fällt die Reaktion verhaltener aus. Verteidiger Gustaf Lagerbielke und Mittelfeldspieler Elliot Stroud äußerten bei Pressekonferenzen, man seufze eher über die ständigen Kamerafahrten als über die Geste selbst. „Vielleicht ist es etwas überstrapaziert, aber ihnen läuft es gut, also sind sie glücklich“, wurde Stroud von der Nachrichtenagentur TT zitiert. Die sportliche Bilanz gibt den Norwegern recht: Nach dem abschließenden Gruppenspiel gegen Frankreich steht das Team von Erling Haaland bereits als Achtelfinalist fest.
Während die skandinavische Ruderbewegung auf präzise Synchronität setzt, entfaltet die schottische Tartan Army eine ganz eigene, von scheinbarem Chaos getragene Festkultur. Schätzungsweise 50.000 Anhänger in Kilts reisten zu den Gruppenspielen nach Boston und Miami, begleitet von Dudelsackklängen und einem unerschöpflichen Liedrepertoire. Einem Bericht des argentinischen Senders TN zufolge adaptierten die Schotten die Melodie von „La Mano de Dios“ – einer Hommage an Diego Maradona – für ihre eigenen Gesänge. Ein Fan erklärte, die Leidenschaft speise sich aus langen Jahren der Entbehrung: „Wir haben viele Schwierigkeiten durchgemacht, sind oft nicht qualifiziert gewesen. Dass wir das jetzt zum ersten Mal seit Langem erleben dürfen, lassen wir in voller Blüte aufleben.“
Sportlich steht Schottland nach einem Sieg gegen Haiti sowie Niederlagen gegen Marokko und Brasilien mit drei Punkten auf Rang drei der Gruppe C. Das Weiterkommen hängt nun von den Ergebnissen der anderen Gruppen ab – eine Konstellation, die den feiernden Anhängern die Sorge ums sportliche Überleben jedoch nicht zu rauben scheint. „Wir wissen, dass wir nichts gewinnen werden, wir sind nicht gut genug, aber wir lieben es, hier zu sein“, fasste ein Fan die Stimmung zusammen. Während Norwegen also bereits die nächste Runde ansteuert, richtet sich der Blick der Tartan Army auf die verbleibenden Gruppenspiele, die über den Einzug unter die besten Gruppendritten entscheiden.
Wie dieselbe Geschichte anderswo erzählt wird.
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