
Ohnmacht in Rom, Rekordpessimismus in Moskau: Zwei Umfragen, ein getrübtes Zukunftsbild
Während Italiener sich in der EU geborgen fühlen und doch hilflos, erreicht die wirtschaftliche Verzagtheit in Russland historische Höchstwerte – ein Stimmungsbild aus Umfragen.
In einer römischen Wohnung klingelt das Telefon. Eine Frau Mitte vierzig wischt sich den Schweiß von der Stirn; der Sommer 2026 hat wieder eine Hitzewelle gebracht. Der Interviewer des Eurobarometers fragt: „Welche Gefühle beschreiben am besten Ihren derzeitigen Gemütszustand?“ Sie zögert, das Surren des Ventilators ist das einzige Geräusch, und antwortet: „Incertezza.“ Dann, nach einem Moment, „Impotenza.“ Dieses Wort, Hilflosigkeit, werden später 39 Prozent der Italiener wählen – der höchste Wert in der gesamten EU. Die Szene ist nicht erfunden, sie speist sich aus den Ergebnissen einer Erhebung, in der Hitzewellen, Krieg und steigende Lebenshaltungskosten einen Kontinent in eine Stimmung aus Ungewissheit und Hoffnung gedrängt haben, für Italiener aber in eine besondere Resignation.
Das im Juli 2026 veröffentlichte Eurobarometer zeichnet ein paradoxes Bild. Drei Viertel der Europäer sehen die EU als Oase der Stabilität in einer unruhigen Welt, in Italien steigt dieser Wert auf 81 Prozent. Zugleich äußern dieselben Italiener ein tiefes Gefühl der Machtlosigkeit. Nennen die Europäer im Durchschnitt Ungewissheit (44 Prozent) und Hoffnung (43 Prozent) als dominante Emotionen, fügen die Italiener als dritthäufigste Empfindung die Hilflosigkeit hinzu. Diese Gefühlslandschaft wird von konkreten Ängsten geformt: Inflation und Lebenshaltungskosten stehen für 51 Prozent der Italiener an erster Stelle, gefolgt von der Forderung nach Energieunabhängigkeit (44 Prozent), ein Wert, der seit der letzten Erhebung um 13 Punkte gestiegen ist. Der Wunsch nach einem stärkeren Europa ist spürbar, doch er koexistiert mit einer privaten, fast intimen Resignation.
Tausende Kilometer östlich fängt eine andere Umfrage eine andere Art von Trübsinn ein. Das amerikanische Institut Gallup, das von März bis Mai 2026 Telefoninterviews in Russland führte, verzeichnet einen historischen Höchststand an Wirtschaftspessimismus. Sechzig Prozent der Russen geben an, die wirtschaftliche Lage in ihrer Region verschlechtere sich – der höchste Wert in zwanzig Jahren der Erhebung. Ähnlich düster ist die Wahrnehmung des eigenen Lebensstandards: 56 Prozent berichten von einem Rückgang, ebenfalls ein Rekord. Die Daten, erhoben noch vor der durch ukrainische Angriffe auf Raffinerien ausgelösten Benzinkrise im Juni, zeigen eine Gesellschaft, in der das Vertrauen in Institutionen rapide schwindet. Das Vertrauen in die Streitkräfte fiel von 79 auf 66 Prozent, in die Regierung von 67 auf 53 Prozent, in die Ehrlichkeit von Wahlen von 56 auf 40 Prozent. Der Glaube an die Medienfreiheit brach auf 34 Prozent ein, ein historisches Tief.
Die russische Unternehmenswelt spiegelt diese Beklemmung. Eine Juni-Umfrage des Russischen Verbands der Industriellen und Unternehmer zeigt, dass fast ein Viertel der Firmen eine Verschlechterung der Finanzlage meldet. Der Gesamtindex fiel auf 43,8 Punkte, den niedrigsten Stand seit mindestens einem Jahr. Die Beziehungen zu Banken haben sich dramatisch eingetrübt: 14 Prozent der Betriebe beklagen eine Verschlechterung, dreimal so viele wie im Vormonat. Der Index der persönlichen Lagebeurteilung stürzte um 5,2 Punkte ab, 35 Prozent der Befragten wählten negative Bewertungen. Experten verweisen auf hohe Leitzinsen, verschärfte Risikopolitik der Banken, gestiegene Steuerlasten und Sanktionen. Die Stimmung ist die eines langsamen, mahlenden Drucks, bei dem selbst die moderate Zinssenkung der Zentralbank auf 14,25 Prozent auf Enttäuschung stößt.
Diese beiden Vermessungslandschaften, getrennt durch Geographie und politische Systeme, teilen eine gemeinsame Textur: das Ausfransen des Zukunftsgewebes. In Italien ist die EU ein ersehnter Anker, doch der Einzelne fühlt sich treibend, benennt Hilflosigkeit als prägende Emotion. In Russland verliert der Anker selbst – Staat, Armee, Wirtschaftsversprechen – an Halt, und der Pessimismus wird zur rekordbrechenden Statistik. Die römische Frau, nachdem sie den Hörer aufgelegt hat, blickt vielleicht auf die flirrende Straße hinaus, die Luft schwer vom Duft von Jasmin und Abgasen. Die Zukunft ist für sie und für Millionen kein Horizont, sondern ein Fragezeichen, aufgehängt in der stillen, heißen Luft.
Wie dieselbe Geschichte anderswo erzählt wird.
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Unter den Europäern wächst der Pessimismus, wobei die Italiener angesichts von Kriegen, Hitzewellen und hohen Lebenshaltungskosten am resigniertesten sind. Doch gerade in Italien sehen acht von zehn Bürgern die Europäische Union als Stabilitätsanker und fordern mehr Einheit und Maßnahmen gegen die Inflation.
Der wirtschaftliche Pessimismus in Russland hat einen Zwanzigjahreshöchststand erreicht: Sechs von zehn Russen sagen, die Lage in ihrer Region verschlechtere sich. Experten zufolge ist dem Kreml die Lebensqualität der Bürger egal, und das Vertrauen in Regierung und Militär schwindet weiter.
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