
Kolumbien reduziert Arbeitszeit auf 42 Stunden – mehr Wohlbefinden, aber Produktivität bleibt die Herausforderung
Die letzte Stufe der Arbeitszeitverkürzung in Kolumbien ist in Kraft getreten; internationale Studien belegen, dass kürzere Arbeitszeiten die Gesundheit fördern, doch die Produktivität muss steigen.
Seit dem 15. Juli 2025 gilt in Kolumbien eine gesetzliche Wochenarbeitszeit von 42 Stunden, nachdem sie schrittweise von 48 Stunden reduziert wurde. Die Reform, die unter der Regierung Duque angestoßen und unter Petro vollendet wurde, entbindet Arbeitgeber zugleich von der Pflicht, einen halbjährlichen Familientag zu gewähren – der Gesetzgeber sieht die zusätzliche Freizeit als ausreichenden Ausgleich. Damit vollzieht das Land einen arbeitsmarktpolitischen Kurswechsel, der auf eine paradoxe Ausgangslage reagiert: Kolumbien zählte innerhalb der OECD zu den Ländern mit den längsten Arbeitszeiten, verzeichnete jedoch eine der niedrigsten Produktivitäten.
Internationale Gesundheitsdaten stützen die Annahme, dass überlange Arbeitszeiten schaden. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation und der Internationalen Arbeitsorganisation waren 2016 weltweit rund 745.000 Todesfälle durch Schlaganfall und ischämische Herzkrankheiten auf Arbeitszeiten von 55 Stunden und mehr pro Woche zurückzuführen. Eine Analyse der American Heart Association aus dem Jahr 2025 bringt zudem Schlafmangel – definiert als weniger als sieben Stunden pro Nacht – mit einem erhöhten Hypertonierisiko in Verbindung. Der Neurologe Conrado Estol aus Buenos Aires verweist darauf, dass regelmäßige Schlafenszeiten das Mortalitätsrisiko senken, selbst bei Krebs oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Kurze Nickerchen zwischen 13 und 15 Uhr, so eine in EatingWell zitierte Untersuchung, können die kognitive Leistung verbessern, ohne den Nachtschlaf zu beeinträchtigen.
Doch Arbeitszeit ist nur ein Faktor. Psychologische Studien, über die Psychology Today berichtet, betonen die Bedeutung von Selbstfürsorge, emotionaler Akzeptanz und stabilen Beziehungen für das Wohlbefinden. Der US-Psychologe Sidney Jourard bezifferte den Anteil persönlicher Beziehungen am Lebensglück auf 85 Prozent. Gleichzeitig zeigen Untersuchungen der Universität Stanford, dass bereits kurze Spaziergänge die Kreativität steigern und das Volumen des Hippocampus vergrößern können. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt mindestens 150 Minuten moderate Bewegung pro Woche; eine im British Journal of Sports Medicine veröffentlichte Studie legt nahe, dass schon elf Minuten tägliches Gehen das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und bestimmte Krebsarten senken.
Die kolumbianische Reform wirft die Frage auf, wie sich kürzere Arbeitszeiten auf die Produktivität auswirken. Eine Gallup-Erhebung zeigt, dass motivierte Beschäftigte eine um 17 Prozent höhere Produktivität und 21 Prozent mehr Rentabilität erzielen. Die Regierung in Bogotá steht nun vor der Aufgabe, das Arbeitsrecht weiterzuentwickeln: Gefordert werden Modelle für stundenweise Beschäftigung mit anteiligen Sozialabgaben, um die informelle Wirtschaft einzudämmen. Der nächste gesetzliche Schritt ist für 2027 vorgesehen, wenn der Sonntagszuschlag von derzeit 90 auf 100 Prozent steigt. Ob die Arbeitszeitverkürzung tatsächlich zu einem Produktivitätsschub führt, wird sich an den Kennzahlen des nationalen Statistikamts DANE messen lassen müssen.
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