
Erstmals Zucker im interstellaren Raum nachgewiesen – und weitere Funde schärfen das Bild der Lebensentstehung
Die Entdeckung von Erythrulose in einer Milchstraßen-Wolke zeigt, dass komplexe Biomoleküle bereits vor der Planetenbildung entstehen können, während Fossilien, Tiefsee- und Klimadaten parallele Einblicke in die Geschichte des Lebens liefern.
Einem internationalen Team um das spanische Zentrum für Astrobiologie (CAB) ist erstmals der spektroskopische Nachweis eines echten Zuckers im interstellaren Medium gelungen. In der Molekülwolke G+0.693-0.027 nahe dem galaktischen Zentrum, rund 26.000 Lichtjahre entfernt, identifizierten die Forscher mithilfe der Radioteleskope von Yebes und IRAM die charakteristische Signatur von Erythrulose (C₄H₈O₄). Die Substanz, auf der Erde in Himbeeren und Selbstbräunern bekannt, ist dort mindestens achtmal häufiger als die einfacheren Drei-Kohlenstoff-Zucker, die zuvor nicht detektiert werden konnten. Der Fund widerlegt die Annahme, dass interstellare Zucker nur durch schrittweise Kohlenstoffaddition wachsen, und belegt einen effizienteren Bildungsweg auf der Oberfläche kosmischer Staubkörner.
Die Tragweite reicht bis zur Frage nach den Bausteinen des Lebens. Erythrulose gehört zur Familie der Ketosen und kann unter wässrigen Bedingungen leicht in Aldosen isomerisieren – jene Zucker, die das Rückgrat von RNA und DNA bilden. Die Arbeitsgruppe um Izaskun Jiménez-Serra schätzt, dass während des späten schweren Bombardements vor etwa vier Milliarden Jahren zwischen 0,5 und 50 Millionen Tonnen dieses Zuckers mit Kometen und Asteroiden auf die junge Erde gelangt sein könnten. Aus Sicht der Astrochemie verdichtet sich damit das Bild, dass präbiotisch relevante Moleküle nicht allein auf der Erde entstanden, sondern bereits in den Molekülwolken des Alls synthetisiert wurden.
Parallel dazu liefern weitere aktuelle Studien ein facettenreicheres Verständnis der frühen Biosphäre und ihrer physikalischen Rahmenbedingungen. Ein 450 Millionen Jahre alter Crinoiden-Fossilfund aus Kanada, untersucht von Paläontologen der University of Oklahoma, zeigt erstmals erhaltene Weichteilstrukturen – sogenannte Ambulakralfüßchen – und belegt, dass schon die frühesten Stachelhäuter komplexe Ernährungsstrategien entwickelten. Ein ebenfalls rund 550 Millionen Jahre alter Abdruck von Spriggina floundersi aus dem Ediacarium Südaustraliens offenbart eine statistisch signifikante Bevorzugung rechtsseitiger Körperkrümmungen und gilt als ältester Hinweis auf Verhaltenslateralisation. In der Tiefsee wiederum wiesen Forscher der Syddansk Universitet nach, dass der immense Druck in 2.000 bis 6.000 Metern Tiefe organische Partikel wie eine Presse auslaugt und so bis zur Hälfte des gebundenen Kohlenstoffs vor dem Erreichen des Meeresbodens freisetzt – ein Mechanismus, der die Kohlenstoffspeicherung des Ozeans neu zu bilanzieren zwingt.
Ergänzt werden diese Befunde durch eine großangelegte Metaanalyse der Universität Erlangen-Nürnberg, die anhand von fast 9.000 Datensätzen belegt, dass marine Tiere während Warmphasen der vergangenen 450 Millionen Jahre besonders stark schrumpften – ein Muster, das sich mit heutigen Beobachtungen an Fischen und Schalentieren deckt. Auf dem Mars schließlich legte der Rover Curiosity durch Zufall ein Feld reinen elementaren Schwefels frei, dessen Entstehung ohne vulkanische oder hydrothermale Aktivität im Gale-Krater die Planetologen vorerst vor ein ungelöstes Rätsel stellt. Die nächsten Schritte umfassen eine Arktis-Expedition des Forschungsschiffs Polarstern, um die Nährstofffreisetzung in der Tiefsee auch in situ nachzuweisen, sowie vertiefte spektroskopische Kampagnen, die nach weiteren Zuckern im galaktischen Zentrum fahnden.
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