
Vom Winde verweht, Elon Musk und die neue Deutungshoheit der Streamer
Ein jahrealter Netflix-Hinweis zu einem Filmklassiker entfacht eine Kontroverse, während die Plattformen weltweit mit Gratismonaten, Kurzvideos und nostalgischen Neuauflagen um Aufmerksamkeit ringen.
Es begann mit einem Screenshot. Ein Nutzer teilte in den sozialen Medien die Netflix-Beschreibung des Filmepos „Vom Winde verweht“: „Ein US-Bürgerkriegsepos von 1939, bekannt für seinen Rassismus.“ Darunter der Hinweis, man möge doch nach „Black Lives Matter“ suchen. Der Beitrag verbreitete sich rasch, und binnen Stunden schaltete sich Elon Musk mit zwei Worten ein: „Muss sich ändern.“ Der Milliardär reagierte damit auf eine Platzhalterseite, denn der Film ist in den USA auf Netflix längst nicht mehr abrufbar. Die Kontroverse aber legte offen, wie sehr die schiere Präsenz eines Titels im Katalog – selbst als inaktiver Eintrag – zum Schauplatz kultureller Deutungskämpfe geworden ist.
Der Vorgang ist kein Einzelfall. Während HBO Max den gleichen Film mit einer historischen Einführung versieht und Hulu ihn neutral als „klassische Geschichte“ bewirbt, zeigt sich bei Netflix eine redaktionelle Haltung, die in den USA auf scharfe Kritik stößt. Konservative Kommentatoren werfen dem Konzern vor, moderne politische Narrative über ein Werk zu stülpen, das mit inflationsbereinigt über vier Milliarden Dollar als kommerziell erfolgreichster Film aller Zeiten gilt. Aus Washingtoner Sicht wird darin ein weiterer Beleg für eine als übergriffig empfundene Kuratierung gesehen, während Beobachter in Los Angeles auf die lange Vorgeschichte der Rassismusvorwürfe verweisen – der Film war bereits 2020 nach den George-Floyd-Protesten vorübergehend von HBO Max entfernt worden.
Parallel zu diesen Auseinandersetzungen um das filmische Erbe vollzieht sich ein grundlegender Wandel des Mediums selbst. Netflix experimentiert mit Kurzvideos von drei bis zwanzig Minuten, wie sie bisher YouTube vorbehalten waren, und holt Creator wie die Stokes Twins oder Rhett and Link auf die Plattform. YouTube wiederum wirbt um TV-Werbekunden und richtet ab 2029 die Oscar-Verleihung aus. Branchenberater in den USA sprechen von einer „Konvergenzschlacht“, bei der beide Dienste zu Super-Apps werden wollen, die ihre Nutzer nie mehr verlassen müssen. Gleichzeitig kehrt Netflix nach sechs Jahren Pause in mehreren Ländern Europas und Asiens zu kostenlosen Probeabos zurück – ein Zugeständnis an ein Publikum, das angesichts steigender Preise und der von Nutzern beklagten „Enshittification“ zunehmend abwägt, wie viele Abos es sich leisten will.
In dieser Gemengelage behaupten sich nicht-englischsprachige Produktionen mit bemerkenswerter Kraft. Die koreanische Serie „Agent Kim Reactivated“ um einen ehemaligen Geheimagenten, der seine entführte Tochter retten muss, stand zwei Wochen in Folge an der Spitze der globalen Netflix-Charts für nicht-englische Serien und erreichte in Südkorea eine Einschaltquote von über 22 Prozent. Eine türkische Liebeskomödie von 91 Minuten Länge, in der eine junge Frau am Valentinstag ihre perfekt geplanten Erwartungen revidieren muss, schaffte es in 27 Ländern in die Top 10. Und die Miniserie „Te encontraré“ mit Sam Worthington, basierend auf einem Harlan-Coben-Roman, steuert mit 85 Millionen Views auf einen Platz unter den meistgesehenen englischsprachigen Serien der Plattformgeschichte zu.
Vor diesem Hintergrund erscheint die Neuauflage von „Unsere kleine Farm“ fast wie ein Anker in der Flut. Die Netflix-Adaption, die sich enger an den Büchern von Laura Ingalls Wilder orientiert und die Perspektive der jungen Laura ins Zentrum rückt, verzichtet auf das gemächliche Erzähltempo des Originals. Acht Folgen decken zwei Jahre ab, Konflikte werden in Minuten abgehandelt. Deutsche Kritiker vermissen die Wärme und die stillen Momente, die Charles und Caroline Ingalls einst zum emotionalen Fundament machten. Doch vielleicht ist genau diese Beschleunigung das eigentliche Porträt unserer Gegenwart: eine Welt, in der selbst die Prärie dem Rhythmus des Algorithmus folgt.
| Lateinamerikanische Presse | −0.60 | critical |
|---|---|---|
| Indische & südasiatische Presse | +0.20 | neutral |
| Atlantische / angloamerikanische Presse | 0.00 | neutral |
| Südostasiatische Presse | +0.60 | aligned |
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