
Aus dem See, in die Hölle: Wie „Evil Dead Burn“ das Horrorkino der Gegenwart seziert
Der sechste Teil der Kultreihe setzt auf radikale Körperzerstörung und verbindet die neuen Filme erstmals zu einem gemeinsamen Universum – während das Franchise einen Kritiker-Rekord aufstellt.
Eine Frau steigt aus einem stillen See. Noch tropft das Wasser von ihrem Kleid, da greift sie zwei arglose Angler an, quetscht Finger in einer Autotür, stranguliert mit dem Sicherheitsgurt und treibt schließlich die Metallstange einer Kopfstütze in einen Schädel. Was klingt wie ein Albtraum aus frühen Sam-Raimi-Filmen, ist die Eröffnungssequenz von „Evil Dead Burn“, dem sechsten Teil einer Reihe, die 1981 mit einem Low-Budget-Experiment in den Wäldern Tennessees begann. Der französische Regisseur Sébastien Vaniček, den Raimi selbst nach dessen Spinnen-Horror „Vermines“ auswählte, knüpft damit direkt an das Ende von „Evil Dead Rise“ an: Die besessene Jessica, dort noch Stuntdouble, wird hier zur ersten Trägerin des Dämonischen und setzt eine Kette von Ereignissen in Gang, die eine zerrüttete Familie in einem abgelegenen Landhaus heimsucht.
Im Zentrum steht Alice, gespielt von der Schweizerin Souheila Yacoub, die nach dem Unfalltod ihres Mannes Will mit dessen Familie zur Trauerfeier zusammenkommt. Dass die Preises einander kaum ertragen, ist offensichtlich, bevor das Böse Einzug hält. Wills Bruder Joseph hat im Nachlass des Großvaters, eines Mitglieds des okkulten „Circle of Wise Men“, den Dolch von Kandar und Aufzeichnungen zum Necronomicon entdeckt – und damit die Deadites herbeigerufen. Was folgt, ist ein fast zweistündiges Gemetzel, das mit Korkenziehern, Kantenschleifern und Füllfederhaltern geführt wird. Vaniček, der gemeinsam mit Florent Bernard das Drehbuch verfasste, verwebt dabei erstmals die Handlungsstränge der modernen Trilogie: Zeitungsausschnitte verweisen auf den Hüttenbrand aus dem 2013er-Reboot, und die Großmutter, die an Demenz leidet, wird zum vielleicht beunruhigendsten Wirt der parasitären Dämonen.
Aus US-amerikanischer Sicht markiert der Film einen bemerkenswerten Punkt in der Horrorgeschichte. Wie das Wirtschaftsmagazin Forbes errechnet hat, ist „Evil Dead“ das einzige Franchise, dessen sämtliche sechs Kinofilme auf Rotten Tomatoes eine positive Kritikerwertung erzielten – ein Rekord, an dem selbst Reihen wie „Halloween“ oder „Scream“ scheiterten. „Evil Dead Burn“ selbst kommt auf 73 Prozent Zustimmung und liegt damit im unteren Feld der Serie, bleibt aber über der 60-Prozent-Marke, die als „fresh“ gilt. Die Zuschauerresonanz steht noch aus, doch die Kinokassen könnten das Bild bestätigen: Bei einem Budget von 20 Millionen Dollar wird ein Eröffnungswochenende von 15 bis 20 Millionen Dollar prognostiziert, was angesichts der Konkurrenz durch das 250 Millionen teure „Moana“-Remake beachtlich wäre.
In der französischsprachigen Kritik hingegen regt sich Widerspruch. Die Tageszeitung Le Devoir aus Montréal lobt zwar die handwerkliche Virtuosität – die subjektiven Kamerafahrten, die angsteinflößende Klangarbeit des Duos Double Danger, den nervösen Schnitt –, bemängelt aber die zunehmende Wiederholung der Schockeffekte und das Scheitern des angedeuteten sozialen Kommentars. Die Gewalt gegen Frauen und toxische Männlichkeit würden zwar kurz thematisiert, dann aber von den erwarteten Exzessen erstickt. Eine besonders lange Szene, in der der Ehemann seine Frau demoliert, lasse das Publikum eher ungläubig als erschüttert zurück. Diese Ambivalenz spiegelt eine breitere Debatte im Horrorkino: Wie viel Reflexion verträgt ein Genre, das vom Exzess lebt?
Die Verwertungskette folgt der inzwischen üblichen Logik der Warner-Bros.-Tochter New Line. Nach dem Kinostart am 10. Juli wird der Film voraussichtlich fünf Wochen später, am 11. August, als Premium-Video-on-Demand erscheinen, bevor er nach weiteren 77 Tagen, Ende September, auf HBO Max landet. Zwei Post-Credit-Szenen deuten unterdessen an, dass das Universum weiterwächst: Die demente Großmutter, der es gelungen ist, sich ein Bein zu amputieren und dem brennenden Haus zu entkommen, krabbelt blutverschmiert über eine Landstraße, hält eine Autofahrerin an und flüstert mit dämonischer Stimme: „Ihre werden auch reichen.“ Dann stürzt sie sich auf die Beine der Helferin. Es ist ein Bild, das bleibt – nicht wegen seiner Drastik, sondern weil es die Logik des Franchise auf den Punkt bringt: Das Böse ist nie besiegt, es wechselt nur den Wirt.
| Lateinamerikanische Presse | +1.00 | aligned |
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| Atlantische / angloamerikanische Presse | 0.00 | neutral |
Der Film ist ein Triumph, eine Rückkehr zu den Wurzeln, die Fans mit Blut und Schrecken zufriedenstellt.
Verwendet hyperbolische Sprache und emotionale Appelle, um Erwartung und Engagement zu erzeugen, ohne kritische Analyse zu bieten.
Erwähnt keine negativen Kritiken oder Kritik an mangelnder Originalität, die in der atlantischen Berichterstattung vorhanden sind.
Der Film ist eine Mischung: auf der einen Seite ein Kassenerfolg, auf der anderen ein rückläufiges Werk, das dem Original nicht gerecht wird.
Präsentiert gegensätzliche Standpunkte, um den Eindruck von Objektivität zu erwecken, aber die negative Kritik ist schärfer.
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