
Am Morgen vor dem Vatertag: Ein Foto, ein Erwachen, eine Last
Von Ibadan über Algier bis Abu Dhabi offenbart der Vatertag 2026 die vielen Gesichter der Vaterschaft – zwischen stiller Sorge, öffentlicher Huldigung und der Frage, was ein Vater eigentlich hinterlässt.
Fünf Uhr morgens in Ibadan, Nigeria. Tunde Adeyemi ist bereits wach, nicht aus Gewohnheit, sondern weil die Last von drei Schulgebühren, einer anstehenden Mietverlängerung und der rasant steigenden Lebensmittelpreise keinen Schlaf mehr zulässt. Der jüngste Sohn besucht die zweite Klasse, der älteste kam im September auf die weiterführende Schule. Adeyemi rechnet schon jetzt, im Juni, die Summen für das nächste Trimester zusammen. „Man ist der Angst immer drei Schritte voraus“, sagt er, während draußen der tropische Morgen graut. Es ist Vatertag, der dritte Sonntag im Juni, doch in diesem Moment ist er vor allem eines: Versorger unter Druck, gezeichnet von der galoppierenden Inflation Nigerias, die aus einem nominal verdoppelten Mindestlohn eine halbierte Kaufkraft gemacht hat.
Rund siebentausend Kilometer weiter nördlich, in Abu Dhabi, teilt Scheich Muhammad bin Zayid Al Nahyan ein schwarzweißes Foto. Es zeigt ihn als Kind, den Blick voller Freude auf seinen Vater gerichtet, den 2004 verstorbenen Staatsgründer Scheich Zayid bin Sultan Al Nahyan. Der Präsident der Vereinigten Arabischen Emirate schreibt: „Der Vater ist Stütze, Vorbild und Sinnbild für Hingabe für das Glück, die Stabilität und die Sicherheit der Familie.“ Das Bild wird zum Ausgangspunkt einer regelrechten Kaskade von Ehrbezeigungen, die sich auf der Plattform X entfaltet. Scheich Muhammad bin Raschid Al Maktum, Vizepräsident und Herrscher von Dubai, veröffentlicht ein Video seines eigenen Vaters, des 1990 verstorbenen Scheich Raschid bin Said Al Maktum, und huldigt dessen Lebensweg: „Wir sind, was sie gesät, was sie erbaut und was sie hinterlassen haben.“ Sein Sohn, Kronprinz Hamdan bin Muhammad, wiederum antwortet mit bewegten Bildern der eigenen Kindheit und den Worten: „Wer ist wie du, mein Vater?“ Die Antwort bleibt unausgesprochen, doch sie liegt in den Lehren, die er zitiert: Dienst an der Nation als Ehre, Ehrgeiz ohne Grenzen, das Handeln als einzig gültiger Maßstab.
Jenseits der Emirate nimmt der Tag andere Färbungen an. In Algier bekennt ein Autor ironisch, die Gratulation seiner Frau zur „Fête des pères“ habe in ihm nur das Bewusstsein für einen doppelten Verrat geschärft: den liturgischen, weil der ursprüngliche Vatertag für ihn der 19. März sei, das Fest des heiligen Josef, des Ziehvaters Jesu; und den profanen, weil das Datum des dritten Junisonntags in den USA seinen Ursprung habe, über Frankreich vollends zur Marketingkampagne eines Feuerzeugherstellers verkommen sei. Die Bitterkeit dieser Genealogie – vom heiligen Josef zum Wegwerffeuerzeug – wird durch die liebevolle Mahlzeit am Familientisch nicht ganz überdeckt. In Jakarta wiederum macht die Nachrichtenagentur Antara eine stille Tragödie öffentlich: 22,9 Millionen Kinder wachsen in Indonesien faktisch ohne Vater auf, nicht als Waisen, sondern weil die Väter körperlich anwesend und emotional abwesend sind, gefangen in Arbeit, Müdigkeit und den eigenen, nie gelernten Gefühlen. Die Abwesenheit, so der Befund, werde von Generation zu Generation weitergegeben, eine unsichtbare Erbschaft, die keine Urkunde verzeichnet.
Es sind nicht die großen Gesten, die diesen Tag weltweit prägen, sondern die kleinen. In Ghana ruft Staatspräsident John Dramani Mahama die Männer schlicht dazu auf, weiterhin „Riesen zu bauen“ – eine Metapher, die das Vatersein als Handwerk begreift, nicht als Statussymbol. Der nigerianische Polizeichef Olatunji Rilwan Disu würdigt jene Beamten, die „lange Stunden fern ihrer Familien im Dienst verbringen und dennoch ihrer elterlichen Verantwortung nachkommen“. In den Seychellen mahnt Präsident Patrick Herminie, Vaterfiguren die Anerkennung nicht nur an einem Tag, sondern das ganze Jahr über zu zollen. All diese Stimmen teilen eine Gewissheit: Vaterschaft ist kein Zustand, sondern eine stete Arbeit, deren Fundament die Anwesenheit ist – eine Lektion, die der amerikanische Evangelist Billy Graham in einem vielzitierten Satz verdichtete: „Ein guter Vater ist eines der unbesungensten, ungelobtesten, unbemerktesten und doch wertvollsten Güter unserer Gesellschaft.“
Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass der Vatertag eine Projektionsfläche ist, auf der jede Kultur ihre eigenen Nöte und Ideale entwirft. Für die einen ist er Anlass, die Gründerväter eines ganzen Staates zu beschwören; für andere der Moment, in dem das kalte Rechnen mit den Schulgebühren die väterliche Zärtlichkeit überlagert. Der scheidende algerische Kolumnist klagt über den verlorenen Respekt vor dem Josefstag, während aus dem fernen Amerika die konservative Stimme von Fox News auf die „Gründerväter“ verweist und mahnt, starke Nationen ruhten auf starken Familien. Gewissheit gibt es nirgends – nur die eine, dass der Tag immer wieder Kinder hervorbringt, die zu ihrem Vater aufblicken, wie der kleine Muhammad bin Zayid auf jenem schwarzweißen Foto, das nun um die Welt geht.
Wie dieselbe Geschichte anderswo erzählt wird.
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UAE leaders posted heartfelt messages on Father's Day, recalling the legacy of founding fathers Sheikh Zayed and Sheikh Rashid. They emphasized the role of fathers as pillars of family and nation, using personal childhood photos to illustrate the bond. The tone is reverent and patriotic, celebrating the continuity of leadership and values.
The Atlantic piece links Father's Day to the Founding Fathers, arguing that strong nations are built on strong families with engaged fathers. It suggests that the true foundation of America's strength is not in Washington but at home, emphasizing the need for present father figures.
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