
Zwischen Sparzwang und Sehnsucht: Der Sommer, in dem die Ferien heilig bleiben
Trotz gestiegener Preise halten viele Europäer an ihren Ferien fest, verzichten aber auf Restaurantbesuche und greifen auf Ersparnisse zurück; anderswo beginnt die schulfreie Zeit, und Eltern debattieren über den richtigen Mix aus Erholung und Förderung.
Am Strand von Chipiona, an der Costa de la Luz, packt Daniel García sein mitgebrachtes Bocadillo aus. Der 26-jährige Hypothekenberater hat für neun Tage Urlaub ein Budget von 200 Euro eingeplant – für Unterkunft und Verpflegung. Ein Hotel sei „vollkommen unerschwinglich“, sagt er der spanischen Tageszeitung El Mundo. Statt ins Restaurant zu gehen, isst er nun sein Sandwich am Meer. „Früher wäre ich essen gegangen, jetzt streiche ich einige Tage. Ich esse im Apartment oder am Strand, anstatt Geld in einem Lokal auszugeben.“ Das Rauschen der Wellen begleitet eine Entscheidung, die keinen Verzicht auf den Urlaub selbst bedeutet, wohl aber auf jene kleinen Genüsse, die ihn einst begleiteten.
Was der junge Spanier beschreibt, ist kein Einzelfall, sondern Teil einer europäischen Haltung, die das Institut Eumetra in Italien jüngst vermessen hat. Laut der Erhebung sehen 51 Prozent der Italiener die Ferien als unverzichtbare Unterbrechung des Alltagsdrucks, 47 Prozent als Gelegenheit, mentale Energie zu tanken. Nur sieben Prozent verbinden sie mit Selbstdarstellung in sozialen Medien. „Die Italiener suchen in den Ferien etwas, das sie wiederfinden, nicht etwas, das sie vorzeigen“, kommentiert Matteo Lucchi, Geschäftsführer von Eumetra. Luxus wird neu definiert: Für ein Drittel der Befragten besteht das wahre Privileg darin, Zeit ohne Stundenplan zu haben – ebenso viele nennen das Entdecken neuer Orte. Doch die gestiegenen Preise zwingen zu Anpassungen: 33 Prozent haben die Reisedauer verkürzt, 21 Prozent günstigere Ziele gewählt, 18 Prozent das Urlaubsbudget nur durch Einschnitte bei anderen Ausgaben gehalten. 23 Prozent würden auf persönliche Einkäufe verzichten, 22 Prozent auf Restaurantbesuche – genau jene Posten, die auch García gestrichen hat.
In Spanien bestätigen die Daten des Instituto Nacional de Estadística diesen Trend: Die Ausgaben inländischer Touristen stagnierten im Sommer 2025 bei 16,3 Milliarden Euro, ein Minus von 0,1 Prozent. Der Hotelverband Hosbec berichtet, dass nationale Gäste bei Aufenthaltsdauer und Tagesausgaben zurückhaltender agieren, während internationale Besucher das Wachstum tragen – der Branchenverband Exceltur prognostiziert für 2026 ein Plus von 2,5 Prozent, getragen von der starken Position Spaniens als Auslandsdestination. Die Gastronomie spürt den Druck am unmittelbarsten: „Das Restaurant steht im Budget einer Familie an letzter Stelle, also wird dort zuerst gespart“, erklärt der spanische Gaststättenverband. In Großbritannien wiederum offenbart eine von Airbnb in Auftrag gegebene Umfrage eine „Urlaubslücke“: 27 Prozent der Familien mit Kindern zwischen fünf und achtzehn Jahren haben keine Sommerreise gebucht, die Lebenshaltungskosten sind das Haupthindernis. 42 Prozent der Eltern fühlen sich dennoch verpflichtet, einen Urlaub zu ermöglichen; von jenen, die eine Reise buchen konnten, griffen 33 Prozent auf Ersparnisse zurück, 38 Prozent auf finanzielle Hilfe von Verwandten. Airbnb spendete 300.000 Pfund an eine Stiftung, die einkommensschwachen Familien eine erste gemeinsame Reise ermöglicht.
Während Erwachsene in Europa ihre Ferien mit wachem Sparsinn verteidigen, beginnt für Millionen Schüler weltweit die unterrichtsfreie Zeit – und mit ihr eine Debatte über deren richtige Nutzung. In Surabaya, Indonesien, appelliert die städtische Bildungsbehörde an die Eltern, die Ferien nicht allein als Ruhepause zu begreifen, sondern für „positive, produktive Aktivitäten“ zu nutzen, die neue Erfahrungen vermitteln und den Charakter formen. Zugleich warnt sie vor exzessivem Gebrauch digitaler Geräte und verweist auf das Programm „Surabaya ohne Gadgets“, das zwischen 18 und 20 Uhr bildschirmfreie Familienzeit vorschreibt. In Algerien hingegen tobt ein anderer Konflikt: Während manche Eltern ihre Kinder in privaten Sommerschulen anmelden, um Defizite in Arabisch oder Französisch aufzuholen, pochen andere auf das „Recht auf Ruhe“ und sehen die Ferien als heilige Zeit der Erholung nach einem Jahr voller Druck, wie die Tageszeitung Echorouk berichtet. In den Vereinigten Arabischen Emiraten beginnen derweil am morgigen Mittwoch die Abschlussprüfungen für die Klassen fünf bis zwölf, der letzte Schultag ist der 3. Juli. Und im US-amerikanischen Wallingford endete das Schuljahr bereits am 18. Juni, die Rückkehr ist für den 27. August vorgesehen – ein langer Sommer, der für viele Familien Planung und Betreuung bedeutet.
So zieht sich durch diesen Sommer eine doppelte Bewegung: Der Urlaub wird mit wachsender finanzieller Disziplin verteidigt, während die schulfreien Wochen zugleich als pädagogische Ressource entdeckt werden. Am Strand von Chipiona hat Daniel García sein Bocadillo längst aufgegessen. Das Meer liegt vor ihm, das Smartphone bleibt in der Tasche. Nicht weil er es sich verboten hätte, sondern weil die Stille gerade genügt. Vielleicht ist das der eigentliche Luxus, von dem die italienische Umfrage spricht: Zeit, die nach keinem Plan verlangt, und ein Horizont, der nichts kostet.
Wie dieselbe Geschichte anderswo erzählt wird.
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Italiener und Spanier verzichten trotz steigender Preise nicht auf den Sommerurlaub, den sie als unverzichtbar für das Wohlbefinden ansehen. Sie sparen bei Extras: ein Sandwich am Strand statt Restaurantbesuch. Umfragen zeigen, dass über die Hälfte Urlaub als Auszeit vom Alltagsdruck betrachtet, und die Inlandstourismusausgaben stagnieren.
Im Vereinigten Königreich zwingt die Lebenshaltungskostenkrise mehr als ein Viertel der Familien, ganz auf den Sommerurlaub zu verzichten. Explodierende Reise- und Unterkunftskosten sind das Haupthindernis, so eine Umfrage unter Eltern. Urlaub wird zu einem Luxus, den sich viele nicht mehr leisten können.
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