
Von Tokio bis Sizilien: Wie Kinoerzählungen derzeit um die Welt reisen
Während ein indischer Spionagethriller in Japan startet, erobert ein Michael-Jackson-Biopic die globalen Charts und Christopher Nolan bereitet seine Odyssee vor – ein Blick auf die Kinolandschaft im Sommer 2025.
In einem schlichten Video, das in diesen Tagen über soziale Netzwerke verbreitet wird, richtet der indische Schauspieler Ranveer Singh ein paar warme, englische Sätze an ein fernes Publikum. „Ein herzliches Hallo an alle in Japan“, sagt er, die Hände vor der Brust gefaltet, und lädt dazu ein, „das größte indische Kinoerlebnis aller Zeiten“ auf der großen Leinwand zu sehen. Es ist die Ankündigung, dass sein Spionagethriller Dhurandhar, der weltweit bereits über 13 Milliarden Rupien eingespielt hat, am 10. Juli in die japanischen Kinos kommt. Singhs Gruß ist eine kleine Geste, doch sie steht für einen bemerkenswerten Moment: Erzählungen aus Mumbai, Hollywood und Sizilien zirkulieren derzeit mit einer Selbstverständlichkeit um den Globus, die noch vor einem Jahrzehnt kaum vorstellbar schien.
Während Singhs Film in Japan auf ein Publikum trifft, das indische Produktionen seit Jahren mit wachsender Begeisterung aufnimmt – RRR hält dort mit umgerechnet fast 140 Millionen Rupien den Rekord –, schreibt ein ganz anderes Werk in den weltweiten Charts Geschichte. Das Biopic Michael, das die Lebensreise des verstorbenen Sängers von den Anfängen bei den Jackson 5 bis zum Solo-Weltruhm nachzeichnet, hat nach Angaben des Studios Lionsgate inzwischen 977 Millionen Dollar eingespielt und damit Oppenheimer als umsatzstärkste Verfilmung einer realen Figur überholt. Regisseur Antoine Fuqua setzt dabei ganz auf die Musik: Die Originalstimme Jacksons dominiert die Tonspur, und der Film verzichtet auf eine Auseinandersetzung mit den Missbrauchsvorwürfen, die zu Lebzeiten gegen den Künstler erhoben wurden. Was Kritiker in angelsächsischen Medien als „reinwaschen“ und „geisterhafte Geldmacherei“ bezeichnen, hält die Fans nicht ab – im Gegenteil, die Streamingzahlen der Jackson-Songs schnellten nach dem Kinostart in die Höhe, und in Großbritannien stand das Album The Essential Michael Jackson wieder an der Spitze der Charts.
Zur selben Zeit richtet sich der Blick der Filmbranche auf ein Projekt, das mit ganz anderen Mitteln und einem gänzlich anderen kulturellen Gewicht antritt. Christopher Nolans Odissea, eine Adaption des homerischen Epos, wird am 16. Juli in den italienischen Kinos anlaufen. Mit einem Budget von über 250 Millionen Dollar ist es der teuerste Film des Regisseurs, und die Erwartungen sind immens. Universal rechnet allein für das erste Wochenende mit Einnahmen von 100 Millionen Dollar. Gedreht wurde an Schauplätzen, die selbst eine Landkarte des Mittelmeers zeichnen: in Marokko, Griechenland, Island, Schottland und vor allem auf Sizilien, wo die Insel Lipari als Kulisse für die Begegnung des Odysseus mit den Sirenen diente. Nolan selbst sprach in einem Interview von einer „enormen Verantwortung“, denn die Odyssee sei „nicht einfach eine Geschichte, sie ist die Geschichte“. Die Besetzung liest sich wie ein Who’s who Hollywoods: Matt Damon als Odysseus, Anne Hathaway als Penelope, Zendaya als Athene. Dass mit Elliot Page ein transgeschlechtlicher Schauspieler eine männliche Rolle übernimmt und der Rapper Travis Scott den Sänger Demodokos spielt, hat in den Vereinigten Staaten Kontroversen ausgelöst; Elon Musk warf Nolan öffentlich vor, mit der Besetzung der schwarzen Schauspielerin Lupita Nyong’o nur die Gunst der Oscar-Akademie zu suchen.
Während die westliche Kinowelt also zwischen antiker Mythologie und popkultureller Hagiographie pendelt, behauptet das indische Kino seine eigene, enorm vitale Erzählkraft. Die romantische Komödie Cocktail 2 mit Shahid Kapoor, Rashmika Mandanna und Kriti Sanon hat in zwei Wochen weltweit über 1,34 Milliarden Rupien eingespielt und steuert in Indien auf die Marke von 900 Millionen Rupien netto zu. Und die Slapstick-Komödie Welcome to the Jungle, ein wildes Ensemblestück um eine vorgetäuschte Filmproduktion im Dschungel, hat in ihrer ersten Woche bereits mehr als 87 Crore Rupien netto in Indien erzielt und dürfte die 90-Crore-Marke noch vor dem Wochenende überschreiten. Der Film profitiert von einem „Blockbuster Tuesday“-Angebot, bei dem Kinobesucher in großen Multiplexen Tickets für nur 199 Rupien erwerben konnten – ein Detail, das zeigt, wie sehr die indische Kinokultur auf die soziale Dynamik des gemeinsamen Lachens setzt.
So entsteht ein vielstimmiges Panorama, in dem ein japanisches Kinopublikum einem indischen Agenten zujubelt, während in Los Angeles die Frage diskutiert wird, ob ein Biopic ohne Abgründe noch ein Biopic ist, und auf Lipari die letzten Einstellungen für eine Reise entstanden, die seit fast drei Jahrtausenden erzählt wird. Vielleicht ist das bemerkenswerteste Bild dieser Tage jenes, das Nolan selbst in einem Interview andeutete: eine nicht-lineare Erzählstruktur, die den fragmentierten Zeitsträngen seiner früheren Werke ebenso entspricht wie der uralten Vorlage. Der homerische Held, der nach Hause findet, und der Popstar, der nie wirklich verschwand – beide begegnen sich in einem globalen Kinomoment, der die Grenzen zwischen den Märkten durchlässiger macht, als es die schieren Einspielzahlen je abbilden könnten.
Wie dieselbe Geschichte anderswo erzählt wird.
2 Mediengruppen · 2 Sprachen
Die europäische Presse rahmt Nolans Odyssee als kulturelles Ereignis höchsten Ranges, verwurzelt im westlichen Literaturkanon. Der Ton ist geprägt von informierter Erwartung und hebt das Prestige des Regisseurs sowie die zeitlose Bedeutung des Epos hervor.
Die Presse Subsahara-Afrikas feiert das Michael-Jackson-Biopic als historischen Box-Office-Triumph, der sogar Oppenheimer übertrifft. Der Erfolg wird als Beleg für das anhaltende globale Erbe des King of Pop dargestellt.
Erweitere deinen Horizont
Bundesanwaltschaft erhebt Anklage: Nord-Stream-Sabotage von ukrainischen Behörden beauftragt
11 Sprachen · 18 Quellen
Aus Economy & MarketsOpenAI bietet US-Regierung eine Beteiligung von fünf Prozent an
9 Sprachen · 22 Quellen
Aus TechnologyIndien stoppt WhatsApps Nutzernamen-Funktion – Sorge vor Identitätsbetrug
4 Sprachen · 19 Quellen