
Unter dem Summen der Vespen: Roms Schichten aus Freiheit und Geschichte
Zehntausende Roller feierten in Rom den 80. Geburtstag der Vespa – und fuhren dabei an einem Triumphbogen vorbei, der von einer ganz anderen Eroberung der Stadt erzählt.
Das sonore Knattern Tausender kleiner Motoren legte sich am Samstagmorgen über das antike Pflaster, ein mechanisches Pulsieren, das von den Thermen des Caracalla bis zum Kolosseum schwoll. In der gleißenden Junihitze, vor der selbst die Reiseführer mit Nachdruck zu Hut und Sonnencreme raten, schob sich eine schier endlose, technicolor schimmernde Kolonne durch das Herz Roms. Es war ein Korso, der die übliche Geräuschkulisse der Ewigen Stadt für Stunden in ein hohes, surrendes Sirren verwandelte – das Geräusch von über 25.000 Vespa-Rollern, die aus fünfzig Ländern angereist waren, um den achtzigsten Geburtstag einer italienischen Ikone zu begehen.
Die Fahrt, minutiös von über 130 Verkehrspolizisten begleitet, führte in Gruppen zu je tausend Fahrzeugen an den Kaiserforen und der Bocca della Verità vorbei. Es war ein Aufgebot, das selbst die stets präsenten Ferrari und Ducati für einen Tag in den Hintergrund drängte. Auf den Rollern saßen sie alle: der Lastwagenfahrer aus Newcastle, der acht Tage lang dem Rhein gefolgt war; die französische Rentnerin, die an ihrem 61. Geburtstag ihren West Highland White Terrier hinter sich auf dem Sitz spazieren fuhr; der Mann aus Tokio, der mit seiner achtjährigen Tochter Vereinswimpel tauschte. Auf der Wade eines Deutschen prangte, unter dem Vespa-Logo, in geschwungenen Lettern die Tätowierung „La Dolce Vita“.
Die Vespa, deren Name dem Ausruf Enrico Piaggios beim Anblick des Prototyps – „Ma sembra una vespa“ – entstammt, war eine Erfindung des Wiederaufbaus. Der Flugzeugkonstrukteur Corradino D’Ascanio, der Motorräder eigentlich verabscheute, entwarf 1946 eine selbsttragende Stahlblechkarosserie mit Schaltung am Lenker, die es auch Frauen erlaubte, im Rock zu fahren, ohne die Beine zeigen zu müssen. Was als „motoleggera utilitaria“ für 55.000 Lire – fünf Monatslöhne eines Arbeiters – begann, wurde zum Vehikel der Massenmobilität. Der endgültige Ritterschlag zur globalen Pop-Ikone erfolgte 1953, als Audrey Hepburn und Gregory Peck in „Ein Herz und eine Krone“ auf einer Vespa 125 durch Rom flanierten; die Verkaufszahlen schnellten im Inland um dreißig, im Ausland um fünfzig Prozent in die Höhe. Heute, nach fast zwanzig Millionen verkauften Einheiten, existiert das Modell auch mit Elektroantrieb.
Doch der Parcours der Jubiläumsfahrt streifte nicht nur die Kulissen der Dolce Vita. Wer an diesem Morgen den Blick vom lärmenden Korso löste und zum Eingang des Forum Romanum schweifen ließ, dem begegnete ein steinernes Zeugnis einer weit älteren, dunkleren römischen Eroberung: der Titusbogen. Errichtet zur Feier des Sieges über Judäa, zeigt sein Relief bis heute die römischen Legionäre, die den siebenarmigen Leuchter aus dem Tempel von Jerusalem forttragen. Ausgerechnet dieses Bild der Plünderung wählte der junge Staat Israel 1948 als sein Staatssymbol. Der Verbleib der Menora selbst ist ein ungelöstes Rätsel: Theorien reichen von einem antiken Brand über ein Versinken im Tiber, der 1818 vergeblich danach abgesucht wurde, bis hin zur Vermutung, sie lagere bis heute in den Gewölben des Vatikans, dessen umfangreiche jüdische Sammlung auch Schätze aus Pogromen und der Shoah umfasst.
So summte die fröhliche Parade der Freiheit und des italienischen Stils an einem Monument vorbei, das von Unterwerfung und Verlust kündet. Wenige Schritte weiter, im einstigen Ghetto, das 1555 auf dem ungesündesten, ständig vom Tiber überfluteten Boden errichtet wurde, flaniert abends die älteste jüdische Gemeinde der Diaspora. Rom, so zeigte sich an diesem Junitag, ist nicht nur die Stadt der zeitlosen Roller und der Leinwandträume. Es ist ein Palimpsest, in dem die unbeschwerte Gegenwart stets über die Gravuren einer vielschichtigen, oft schmerzhaften Vergangenheit hinweggleitet.
Wie dieselbe Geschichte anderswo erzählt wird.
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Die Vespa-Kundgebung unter dem Titusbogen, einem Denkmal für die Zerstörung Jerusalems, wirft einen Schatten auf die Feier des italienischen Stils. Die Veranstaltung hebt unbeabsichtigt die Seltenheit jüdischer Gesichter im öffentlichen Leben Roms und die ungelöste Spannung zwischen festlichem Gedenken und historischem Trauma hervor.
Rom verwandelte sich in ein Freilichttheater italienischer Genialität, als 25.000 Vespas durch die antiken Straßen paradierten und 80 Jahre eines Rollers feierten, der zum globalen Symbol für Freiheit und Design wurde. Die Veranstaltung, eine Hommage an die Vision von Corradino d'Ascanio, vereinte Generationen in einem fröhlichen Motorengebrüll unter dem Kolosseum und den Kaiserforen.
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