
Ein Kuss auf der Kisscam: Shakira, Messi und die globale Bühne von Dallas
Während Lionel Messi mit einem Doppelpack zum alleinigen Rekordtorschützen der WM-Geschichte aufstieg, wurde die kolumbianische Sängerin in der Tribüne zum zweiten Blickfang des Abends – und hinterließ eine Botschaft, die weit über den Sport hinausreicht.
Die Kamera suchte nicht nur den Ball. In der 56. Minute des Spiels zwischen Argentinien und Österreich im AT&T Stadium von Dallas glitt das Auge der Weltregie über die Ränge und blieb an einem Palco hängen, in dem eine Frau mit dunkler Sonnenbrille saß. Es war Shakira, und neben ihr Milan, ihr älterer Sohn. Der Junge beugte sich zu ihr, legte den Arm um ihre Schulter und drückte ihr einen Kuss auf die Wange – ein flüchtiges, privates Bild, das die Stadionleinwand und die Bildschirme von Millionen in Echtzeit übernahm. Die Sängerin bemerkte die Nahaufnahme, nahm die Brille ab, lächelte und winkte ins Rund, als grüße sie eine vertraute Nachbarschaft.
Drinnen auf dem Rasen schrieb Lionel Messi derweil einen jener Abende, die das Wort „historisch“ beinahe untertreiben. Mit zwei Treffern zum 2:0-Sieg führte er Argentinien nicht nur ins Achtelfinale, sondern überholte mit nun 18 WM-Toren jede bisherige Bestmarke. Shakira, die mit ihren Söhnen Milan und Sasha – beide selbst in den Jugendmannschaften des FC Barcelona aktiv – das Spiel verfolgte, wartete nicht bis zum Abpfiff. Noch in der Nacht setzte sie auf Instagram eine Zeile ab, die in spanischer und englischer Sprache um die Welt ging: „Muy orgullosa de ti, Leo, y de todo lo que estás logrando por tu familia, tu país y por todos los latinos.“ Es war kein Fan-Post, sondern die Geste einer Künstlerin, die den Fußball seit zwei Jahrzehnten als kulturelles Territorium mitprägt.
Diese Vertrautheit hat eine lange Vorgeschichte. Shakiras Beziehung zu den Weltmeisterschaften begann mit „Waka Waka“ 2010, setzte sich mit „La La La“ 2014 fort und mündete 2026 in den offiziellen Song „Dai Dai“. Dazwischen liegen Jahre in Barcelona, in denen sie als Partnerin von Gerard Piqué mit Messi und dessen Frau Antonela Roccuzzo Tische und Feste teilte; sie war Gast auf der Hochzeit der Messis 2017 in Rosario. Als sie nun in Dallas auf der Tribüne saß, war das auch eine private Geografie: eine Kolumbianerin, die für Argentinien fiebert, eine Mutter, deren Söhne das Erbe des Vaters auf ihre eigene Weise weitertragen, eine globale Popfigur, deren Lieder in deutschen Stadien ebenso laufen wie in lateinamerikanischen Wohnzimmern.
Die Resonanz auf ihre Botschaft zeigte, wie sehr sich die Sphären durchdrungen haben. Innerhalb von Stunden wurde der Post zum meistkommentierten Begleittext eines Spiels, das ohnehin schon von den Rekordmeldungen dominiert wurde. In den sozialen Netzwerken verschmolzen die Bilder des jubelnden Messi mit den Tribünenaufnahmen der winkenden Shakira zu einer einzigen Erzählung: Sport als Pop, Pop als Sport. Dass Österreich an diesem Abend der Gegner war, verlieh der Szene im deutschsprachigen Raum eine zusätzliche Brechung – die eigene Mannschaft unterlegen, aber Zeuge eines Moments, der nicht nur einer Nation, sondern, wie Shakira schrieb, „todos los latinos“ galt.
Am Ende blieb nicht allein die Statistik eines Rekords, sondern das Nachbild einer flüchtigen Berührung. Der Kuss eines Sohnes auf die Wange seiner Mutter, eingefangen von der Kisscam, während ein paar Meter entfernt ein 38-Jähriger die Grenzen des Möglichen im Fußball verschob. Es war ein Abend, an dem die Kamera zweimal etwas sehr Altes einfing: familiäre Zuneigung und die stille Magie eines Balls, der ins Netz fällt.
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