
Eine Woche nach den Beben: Über 1.900 Tote, Zehntausende vermisst – und wachsende Kritik am Staat
Die offizielle Opferzahl steigt, doch das wahre Ausmaß der Katastrophe in Venezuela bleibt ungewiss; internationale Helfer und die USA sind im Einsatz, während die Regierung unter Druck gerät.
Sechs Tage nach den zwei schweren Erdstößen, die am 24. Juni binnen 39 Sekunden den Norden Venezuelas erschütterten, haben die Behörden die Zahl der geborgenen Toten auf 1.943 erhöht. Mehr als 10.500 Menschen wurden nach offiziellen Angaben verletzt, rund 6.400 Personen konnten lebend aus den Trümmern gerettet werden. Die Beben der Magnituden 7,2 und 7,5 – die stärksten seit über einem Jahrhundert – trafen vor allem den Küstenstaat La Guaira, wo ganze Wohnviertel kollabierten. Nach vorläufigen Satellitendaten der NASA wurden nahezu 59.000 Gebäude beschädigt oder zerstört.
Die tatsächliche Zahl der Todesopfer dürfte indes weit höher liegen. Während die Regierung keine offizielle Vermisstenzahl nennt, verzeichnet eine von der Zivilgesellschaft betriebene Internetplattform mehr als 40.000 nicht lokalisierte Personen. Die Vereinten Nationen sprachen von rund 50.000 Vermissten und vereinbarten mit den venezolanischen Behörden die Beschaffung von 10.000 Leichensäcken. Medizinische Quellen aus der Hauptstadt Caracas schätzen die Opferzahl auf mindestens 4.000, das Geologische Institut der USA hält sogar einen fünfstelligen Wert für plausibel. In den Trümmern der eingestürzten Hochhäuser, so berichten internationale Rettungskräfte, würden kaum noch Überlebende gefunden; am Dienstag gelang jordanischen Helfern die Bergung eines dreijährigen Jungen, der sechs Tage unter Betonplatten ausgeharrt hatte.
Die humanitäre Lage spitzt sich unterdessen dramatisch zu. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation stehen die ohnehin geschwächten Krankenhäuser unter „extremer Belastung“, drei Kliniken sind nicht mehr funktionsfähig, sechs weitere teilweise beschädigt. Die WHO warnt vor dem Ausbruch von Infektionskrankheiten wie Masern, Dengue und Malaria, da Zehntausende Vertriebene unter freiem Himmel oder in überfüllten Notunterkünften ausharren. Das Welternährungsprogramm rief zu 50 Millionen Dollar Soforthilfe auf, um eine halbe Million Menschen mit Nahrungsmitteln zu versorgen. Aus Sicht von Hilfsorganisationen vor Ort ist die staatliche Unterstützung unzureichend; viele Betroffene beklagen, dass Soldaten zwar patrouillieren, aber nicht bei den Bergungsarbeiten helfen.
International ist eine beispiellose Hilfsoperation angelaufen. Mehr als 2.000 Rettungskräfte aus rund 30 Ländern, darunter auch Teams aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, suchen mit Hunden und schwerem Gerät nach Verschütteten. Die USA haben über 900 Militärangehörige ins Land verlegt und Drohnen zur Schadenskartierung eingesetzt – eine bemerkenswerte Wende, nachdem amerikanische Spezialkräfte im Januar den damaligen Präsidenten Nicolás Maduro festgenommen hatten. Aus Washingtoner Sicht wird die Zusammenarbeit mit der Übergangsregierung unter Delcy Rodríguez als reibungslos beschrieben. Gleichzeitig wächst in der venezolanischen Bevölkerung der Unmut über die als schleppend empfundene Reaktion des Staates, während Oppositionsführerin María Corina Machado ihre Rückkehr ins Land ankündigte, was in US-Regierungskreisen auf Zurückhaltung stieß. Die Such- und Rettungsarbeiten dauern an; die Behörden betonen, dass die Opferzahlen weiterhin vorläufig sind.
Wie dieselbe Geschichte anderswo erzählt wird.
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Satellitenschätzungen der NASA deuten auf fast 59.000 beschädigte oder zerstörte Gebäude hin, weit mehr als die offiziell inspizierten wenigen Hundert. Während die Zahl der Todesopfer 1.700 übersteigt, wächst die Skepsis gegenüber der Fähigkeit der Behörden, die Notlage zu bewältigen, und dem wahren Ausmaß der Katastrophe.
Eine vorläufige Bewertung der NASA auf Basis von Satellitenradardaten deutet darauf hin, dass bei den Erdbeben in Venezuela rund 58.870 Gebäude beschädigt oder zerstört wurden. Die Schätzung wurde noch nicht durch Bodeninspektionen bestätigt. Die offizielle Zahl der Todesopfer liegt bei über 1.700.
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