
Russlands Treibstoffkrise: Staat und Militär zuerst, Tankstellen zuletzt
Die russische Regierung hat erstmals eine offizielle Rangfolge für Treibstofflieferungen festgelegt – gewöhnliche Zapfsäulen stehen ganz unten, während die Produktion nur 65 Prozent des Bedarfs deckt.
Die russische Regierung hat in dieser Woche erstmals eine verbindliche Prioritätenliste für die Verteilung von Benzin und Diesel erlassen. Ganz oben stehen staatliche und kommunale Bedarfe, der sogenannte Nordversorgungsauftrag, Rüstungsbetriebe, die Eisenbahn, die zivile Flotte und die Landwirtschaft. Erst danach folgen die annektierte Krim, die besetzten Gebiete und die Exklave Kaliningrad. Am Ende der Liste rangieren die Tankstellennetze der Ölkonzerne, unabhängige Zapfsäulen und zwischenstaatliche Exportabkommen. Der Schritt, dokumentiert in Protokollen unter Vize-Ministerpräsident Alexander Nowak, ist die bislang deutlichste Reaktion auf eine sich seit Mai zuspitzende Treibstoffkrise, ausgelöst durch ukrainische Drohnenangriffe auf Raffinerien.
Die Produktionszahlen verdeutlichen den Ernst der Lage: Anfang Juli deckte die russische Benzinherstellung nur etwa 65 Prozent des saisonalen Bedarfs. Um akute Engpässe im Großraum Moskau zu verhindern, leiteten die Behörden Treibstoff aus Sibirien und dem Ural um und erhöhten die Importe aus Belarus. Nach einem Angriff auf die Moskauer Raffinerie Mitte Juni hatten sich dort landesweit Schlangen gebildet. Inzwischen zeigen Daten des Dienstes „Treibstoff“ der T-Bank, dass der Anteil der Tankstellen mit bestätigter Verfügbarkeit in den Regionen Moskau und Sankt Petersburg zwischen dem 11. und 19. Juli um rund sechs Prozentpunkte gestiegen ist. Nowak sprach von einer „teilweisen Stabilisierung“, räumte jedoch ein, dass in einigen Regionen weiterhin eine „angespannte Situation“ herrsche und man „im manuellen, punktuellen Modus“ mit den Unternehmen an der Versorgung arbeite.
Branchenanalysten und Händler dämpfen die Erwartungen. Die ergriffenen Maßnahmen – ein befristetes Exportverbot, Subventionen für Importe und die Verschiebung von Wartungsarbeiten – glätteten zwar Nachfragespitzen, stellten aber weder zerstörte Raffineriekapazitäten wieder her noch modernisierten sie die Logistik. Ein spürbarer Produktionsanstieg sei frühestens gegen Jahresende zu erwarten. Unabhängige Tankstellen, die in der Prioritätenliste ganz hinten stehen, arbeiten nach Angaben von Betreibern bereits defizitär, vor allem im Segment des 92-Oktan-Benzins. Auf der Krim, wo die Versorgung über die wiederholt angegriffene Straße R-280 „Noworossija“ zusätzlich erschwert wird, wurde der Treibstoff rationiert, der Kindertourismus ausgesetzt und die Öffnungszeiten von Geschäften und Cafés verkürzt.
Über die akute Krise hinaus unterstreicht die Entwicklung den langfristigen Bedeutungsverlust Russlands als verlässlicher Energielieferant. Die Europäische Union, einst größter Abnehmer, hat ihre Abhängigkeit von russischem Pipelinegas drastisch reduziert und die Einfuhren mit Wirkung zum Januar 2026 formal verboten. China, das seine Abnahmen während des Krieges bewusst begrenzte, um den Druck auf Moskau zu erhöhen, dürfte nach einem möglichen Friedensschluss seine wirtschaftliche Durchdringung des russischen Fernen Ostens weiter vertiefen. Selbst bei einer Aufhebung der Sanktionen, so die Analyse von Forbes, werde der Rufschaden Russlands Investitionsströme und Lieferketten noch über Jahre prägen. Die Warteschlangen an den heimischen Zapfsäulen sind damit auch ein Symptom eines tieferen strukturellen Niedergangs.
| Atlantische / angloamerikanische Presse | −0.80 | critical |
|---|---|---|
| Russische & GUS-Presse | +0.20 | neutral |
| Kontinentaleuropäische Presse | −0.20 | neutral |
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