
Kanes später Doppelpack bricht 60-jährigen Fluch und öffnet das Rennen um den Goldenen Schuh
Mit zwei Treffern in der Schlussviertelstunde wendet Englands Kapitän das drohende Aus gegen die DR Kongo ab und katapultiert sich mitten in den Kampf um die Torjägerkrone.
Es war die 75. Minute im Atlanta Stadium, als Harry Kane den Bann brach. Per Kopf verwertete er eine präzise Flanke von Anthony Gordon und glich zum 1:1 aus – nur elf Minuten später jagte er einen Pass desselben Gordon mit dem ersten Kontakt unhaltbar ins Netz. Der 2:1-Sieg Englands über die Demokratische Republik Kongo im Achtelfinale der Weltmeisterschaft 2026 war nicht nur die Wende in einer zähen Partie, sondern das Ende einer sechs Jahrzehnte währenden Hypothek: Erstmals seit dem WM-Finale 1966 gewannen die Three Lions ein K.-o.-Spiel, in dem sie in Rückstand geraten waren.
Dabei hatte alles auf eine Blamage hingedeutet. Brian Cipenga hatte die Kongolesen bereits in der siebten Minute in Führung gebracht, und Englands Angriffsbemühungen scheiterten über weite Strecken an Lionel Mpasi. Der kongolesische Torhüter entschärfte fünf hochkarätige Chancen, ehe Tuchel in der 61. Minute Gordon und Bukayo Saka einwechselte. Die Impulse der beiden Flügelspieler veränderten die Statik des Spiels: Gordon bereitete beide Treffer mustergültig vor, Saka sorgte für ständige Überladung auf der rechten Seite. Aus Londoner Sicht wurde die Partie damit zum Beleg für die taktische Flexibilität des deutschen Trainers, der nach dem Schlusspfiff die „niemals verlorene Geduld und den Glauben“ seiner Mannschaft hervorhob.
Kane selbst rückte mit seinen Saisontoren 71 und 72 für Klub und Nationalmannschaft in eine neue Dimension vor. Er überholte Cristiano Ronaldos beste Saisonausbeute und liegt nun nur noch hinter Lionel Messis 82-Tore-Marke aus der Spielzeit 2011/12. Im ewigen WM-Torjägerranking zog er mit 13 Treffern an Pelé vorbei und egalisierte mit seinem 84. Länderspieltor die Marke von Ferenc Puskás. Im Rennen um den Goldenen Schuh des Turniers liegt er mit fünf Toren nun gleichauf mit Erling Haaland und nur einen Treffer hinter den Führenden Kylian Mbappé und Lionel Messi – eine Konstellation, die in asiatischen und amerikanischen Medien bereits als „epischer Vierkampf“ beschrieben wird.
Die indonesische Presse rückte vor allem das Ende des „Fluchs“ in den Mittelpunkt. Tatsächlich hatte England seit 1966 in 22 K.-o.-Spielen nach einem Rückstand nie mehr gewonnen. Tuchel wies solche Narrative zurück: „Es wäre sehr einfach gewesen, sich der Geschichte zu ergeben. Aber ich habe davon nichts bei meinen Spielern gesehen.“ Sein Kapitän formulierte es emotionaler: „Wir haben über Helden-Momente gesprochen – heute war meiner.“
Der Weg zum Viertelfinale führt nun über Co-Gastgeber Mexiko. Im legendären Azteca-Stadion, wo El Tri in 89 WM-Partien erst zweimal verlor und seit zehn Spielen ungeschlagen ist, wartet eine gänzlich andere Prüfung. Die Höhenlage von über 2.200 Metern und die erwarteten 70.000 mexikanischen Fans machen die Partie aus europäischer Perspektive zu einer der schwierigsten Aufgaben des Turniers. Tuchel sprach von einem „wunderschönen, aber extrem fordernden Spiel“, für das sich seine Mannschaft in nur vier Tagen kaum physisch adaptieren könne. Der Ausgang dieser Begegnung wird nicht nur über Englands Turnierverbleib entscheiden, sondern auch darüber, ob Kane seinen Lauf im Kampf um die Torjägerkrone fortsetzen kann.
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