
In St. Petersburg ein neues Lehrbuch, in Teheran eine verschobene Prüfung: Bildung im Wandel
Während Russland ein neues Gesellschaftskunde-Lehrwerk vorstellt, verschieben Iran und Bangladesch Prüfungen, die Emirate setzen auf elektronische Tests und Brasilien veröffentlicht Schuldaten – Momentaufnahmen aus den Klassenzimmern der Welt.
Im Saal des St. Petersburger Internationalen Juristenforums hielt Wladimir Medinskij, Berater des Präsidenten, ein Exemplar des neuen Schulbuchs für Gesellschaftskunde in die Höhe. Das bisherige Lehrwerk, so Medinskij, sei „misslungen“ gewesen; das neue hingegen erzähle „vom Gemeinwesen in einem praktischen Sinne“. Als „glanzvollen“ Herausgeber nannte er Dmitrij Medwedew, den stellvertretenden Vorsitzenden des Sicherheitsrats. Bildungsminister Sergej Krawzow ergänzte, der Kurs sei nun „sehr ausgewogen“ und anwendungsorientiert. Die Duma-Vizepräsidentin Irina Jarowaja bekannte, sie habe das Buch „mit großem beruflichem Interesse und menschlichem Vergnügen“ gelesen – ein ungewöhnliches Bekenntnis auf einem Juristenkongress.
Zur selben Zeit, an diesem Mittwoch, begannen in den Vereinigten Arabischen Emiraten die elektronischen Abschlussprüfungen für die Klassen fünf bis zwölf. Die Schulbehörde hatte die Familien zuvor ermahnt, für ruhige Nächte und eine stressfreie Atmosphäre zu sorgen; wer beim Betrug hilft, dem drohen disziplinarische Konsequenzen. In Bangladesch verschob das Bildungsministerium die Halbjahresprüfungen kurzfristig um drei Tage – vom 28. Juni auf den 1. Juli –, aus „unvermeidlichen Gründen“, wie es in einem Schreiben an alle Schulleiter hieß. Die Universität Schahid Beheschti in Teheran wiederum verlegte ihre Semesterabschlussprüfungen um zwei Wochen nach hinten, weil die Trauerfeierlichkeiten für einen „mudschahidischen Führer der islamischen Revolution“ mit dem ursprünglichen Termin kollidierten und zudem eine landesweite Master-Aufnahmeprüfung bevorstand. In Brasilien schließlich veröffentlichte das Bildungsministerium die nach Schulen aufgeschlüsselten Ergebnisse des nationalen Abiturexamens Enem 2025 – einsehbar für jedermann, solange mindestens zehn Schüler einer Schule angetreten waren.
Hinter der russischen Lehrbuchpräsentation steht ein bildungspolitischer Umbau, der seit Monaten vorangetrieben wird. Das Fach Gesellschaftskunde, bisher von der sechsten Klasse an unterrichtet, wird ab September 2026 nur noch in den Klassen neun bis elf gelehrt; die frei werdenden Stunden fließen in den Geschichtsunterricht, der um vierzig Prozent ausgeweitet wird. Das neue Lehrwerk, gegliedert in die Kapitel „Mensch und Gesellschaft“, „Staat und Recht“, „Kultur“, „Wirtschaft“ und „Russland auf dem Weg in die Zukunft“, widmet eigene Paragrafen den traditionellen Werten der russischen Gesellschaft – darunter Patriotismus, Kollektivismus und historisches Gedächtnis – und enthält eine kritische Darstellung westlicher Eliten, die, so der Text, diese Werte untergrüben, um ihre Macht zu sichern. Auch die Begriffe „Desinformation“ und „Fake“ werden behandelt. Das Ministerium spricht von einer „souveränen Bildungsarchitektur“ und einer Antwort auf westliche Herausforderungen. Parallel dazu kündigte die Schulaufsicht an, dass ein Einheitliches Staatsexamen in Arabisch frühestens 2033 eingeführt werden könne – ein Vorhaben, das von muslimischen Geistlichen wie von Geschäftsleuten befürwortet wird, die auf die Wirtschaftsbeziehungen mit den Emiraten blicken.
Für die unmittelbar Betroffenen bedeuten diese Entwicklungen vor allem Planungsunsicherheit und Anpassungsdruck. Russische Abiturienten, die im kommenden Jahr das Einheitliche Staatsexamen in Gesellschaftskunde ablegen, beruhigte Minister Krawzow: „Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen.“ Die inhaltliche Reform der Prüfung greife erst in zwei Jahren. In den Emiraten appellierte die Schulbehörde an die Eltern, den Kindern durch einen ausgewogenen Lernplan, ausreichend Schlaf und eine gesunde Ernährung beizustehen – und jeden Vergleich mit anderen zu vermeiden. Die Universität in Teheran bat ihre Studenten, die Reise- und Lernpläne entsprechend anzupassen. In Bangladesch wurden die Schulleiter angewiesen, die neue Prüfungsordnung „umzusetzen“, ohne dass die genauen Gründe für die Verschiebung öffentlich gemacht wurden. Und in Brasilien können Eltern nun mit wenigen Klicks nachvollziehen, wie die Schule ihres Kindes im nationalen Vergleich abschneidet – ein Transparenzversprechen, das zugleich den Druck auf die Einrichtungen erhöht.
Am Ende der Präsentation in St. Petersburg blieb ein Satz im Raum, der die eigentümliche Mischung aus staatlichem Gestaltungswillen und persönlicher Anteilnahme einfing. Irina Jarowaja, die das neue Gesellschaftskundebuch mit „menschlichem Vergnügen“ gelesen hatte, fügte hinzu, der Text enthalte „die wichtigsten Schlüsselbedeutungen“ und sei „in einfacher, verständlicher Sprache“ geschrieben. Ein Lehrbuch, das eine Abgeordnete mit Genuss liest – ein Detail, das in den Prüfungssälen von Dubai, Dhaka oder São Paulo wohl ebenso fremd anmuten dürfte wie die Vorstellung, dass eine Trauerfeier den akademischen Kalender eines ganzen Semesters verschiebt.
Wie dieselbe Geschichte anderswo erzählt wird.
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Im Iran wurden Universitätsprüfungen verschoben, um die Teilnahme an der Beerdigung eines Revolutionsführers zu ermöglichen, wobei politische Pflicht und Tradition miteinander verwoben werden. Die offizielle Mitteilung der Universität begründet die Verzögerung mit nationalen und logistischen Ereignissen und vermeidet jeden polemischen Ton.
In Russland präsentierte das Bildungsministerium neue Lehrbücher für Sozialkunde als Triumph praktischer, staatsnaher Inhalte und kündigte gleichzeitig künftige Änderungen der nationalen Prüfung an. Die Erzählung betont Modernisierung und patriotische Verankerung und ignoriert jegliche globale Störung durch politische Beerdigungen.
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