
Drohnenangriffe auf Wildberries-Lager: Milliardenverluste und eine neue Verwundbarkeit im russischen Hinterland
Die ukrainischen Angriffe auf Logistikzentren des größten russischen Onlinehändlers haben nicht nur Waren im Wert von schätzungsweise bis zu 100 Milliarden Rubel zerstört, sondern auch tausende Kleinunternehmer existenziell getroffen.
Bei ukrainischen Drohnenangriffen auf zwei Logistikzentren des russischen Online-Marktplatzes Wildberries in der Nacht zum 18. Juli sind nach offiziellen Angaben acht Menschen getötet und mehr als 70 weitere verletzt worden. Die Attacken trafen ein Lager im Moskauer Vorort Elektrostal sowie ein weiteres in Kotowsk in der Region Tambow. Unabhängigen russischen Schätzungen zufolge beläuft sich der wirtschaftliche Gesamtschaden auf bis zu 100 Milliarden Rubel (rund 1,3 Milliarden US-Dollar), womit es sich um einen der kostspieligsten Angriffe auf die kommerzielle Infrastruktur Russlands seit Kriegsbeginn handelt. Das Lager in Elektrostal, mit über 360.000 Quadratmetern einer der größten Logistikkomplexe des Unternehmens, brannte fast vollständig aus.
Aus Kiewer Sicht stellten die Anlagen legitime militärische Ziele dar. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj erklärte, die Schläge seien eine Reaktion auf russische Angriffe auf zivile Infrastruktur in der Ukraine, insbesondere auf Einrichtungen des Logistikers Nova Poshta. Selenskyj fügte hinzu, in den Wildberries-Lagern seien Komponenten zur Versorgung der russischen Streitkräfte sowie für die Drohnenproduktion gelagert worden. Der Kommandeur der ukrainischen Drohnenstreitkräfte, Robert Brovdi, bezeichnete die Angriffe zudem als Teil psychologischer Operationen, die darauf abzielten, die von ihm so genannte „Illusion eines komfortablen Friedenslebens“ für die russische Bevölkerung zu zerstören. In Moskau wurden die Attacken als Terroranschläge eingestuft und Ermittlungen eingeleitet.
Die unmittelbaren Folgen treffen vor allem zehntausende kleine und mittlere Händler, sogenannte Seller, die ihre Waren über die Plattform vertreiben. In sozialen Netzwerken berichteten betroffene Unternehmer von vollständig zerstörten Kollektionen und mehrfachen Millionenverlusten in Rubel. Ihre Aussichten auf Entschädigung sind gering: Wildberries hatte erst Anfang Juli seine Allgemeinen Geschäftsbedingungen um eine Klausel ergänzt, die den Marktplatz im Falle von Drohnenangriffen von der Haftung für eingelagerte Waren freistellt. Die Unternehmensgründerin Tatjana Kim sprach von „schrecklichen Ereignissen“, verwies jedoch auf die fehlende rechtliche Verpflichtung zur Kompensation und bot lediglich andere finanzielle Unterstützungsmaßnahmen an. Gleichzeitig berichteten Händler, dass sie selbst unversehrte Ware aus nicht betroffenen Lagern aufgrund einer Systemüberlastung nicht abziehen könnten.
Die Angriffe markieren eine geografische und strategische Ausweitung der ukrainischen Drohnenkampagne tief ins russische Hinterland. Nachdem zuvor vor allem Raffinerien und Öldepots Ziele waren, um die Treibstoffversorgung des russischen Militärs zu stören, richtet sich der Fokus nun auf die zivile Logistikinfrastruktur des E-Commerce. Analysten in der Ukraine werten dies als Versuch, die wirtschaftlichen Grundlagen des auf Online-Marktplätze angewiesenen russischen Kleinunternehmertums zu treffen und die Wahrnehmung des Krieges in der Bevölkerung zu verändern. Die Aktien des einzigen börsennotierten Konkurrenten Ozon brachen am Morgen nach den Angriffen um fast 12 Prozent ein, erholten sich jedoch im Tagesverlauf teilweise wieder. Die Angriffe auf die Logistikzentren wurden in den Folgenächten fortgesetzt, wobei Wildberries einen weiteren Treffer in einem Lager im Moskauer Gebiet bestätigte.
| Kontinentaleuropäische Presse | −0.30 | critical |
|---|---|---|
| Atlantische / angloamerikanische Presse | −0.20 | neutral |
Die Ukraine hat ein legitimes Ziel getroffen, da Wildberries das russische Militär belieferte. Die wirtschaftlichen Folgen sind Kollateralschäden eines Krieges, den Russland begonnen hat.
Indem der Angriff als symmetrische und legitime Reaktion dargestellt wird, wird der Einsatz von Drohnen gegen wirtschaftliche Ziele normalisiert und sie militärischer Infrastruktur gleichgestellt.
Die spezifischen Beweise für die militärische Versorgung durch Wildberries werden nicht ausgeführt, aber die Legitimität des Ziels wird vorausgesetzt.
Der Krieg kommt zu den Russen nach Hause. Kleine Unternehmer sind die Kollateralopfer eines Konflikts, den der Kreml fernhalten wollte. Entschädigungen sind unsicher.
Indem man sich auf das Leid kleiner Unternehmer konzentriert, werden die menschlichen Auswirkungen des Krieges hervorgehoben und die Erzählung des Kremls von Normalität in Frage gestellt.
Die ukrainische Rechtfertigung, dass Wildberries das russische Militär belieferte, wird nicht erwähnt, ebenso wenig der strategische Kontext des Angriffs.
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