
Die Schattenprofile der Kinder: Zwischen Verbot, Datenprofil und digitaler Mündigkeit
Während Australien über schärfere Kontrollen für Social-Media-Plattformen streitet, wächst in Asien und Europa der Widerstand gegen pauschale Verbote – und die Sorge vor unsichtbaren Datenspuren der Jüngsten.
In den Gängen des australischen Parlaments stand in dieser Woche ein Mann, der seinen Sohn verloren hat. Wayne Holdsworths Teenager Mac hatte sich das Leben genommen, nachdem er über eine soziale Plattform sexuell ausgebeutet worden war. Der Vater war nach Canberra gereist, um für schärfere Gesetze zu werben. Wenige Tage später blockierte die Opposition gemeinsam mit den Grünen eine Reform, die dem Online-Sicherheitsbeauftragten des Landes Zugriff auf interne Dokumente der Tech-Konzerne verschaffen und die Bussgelder auf 99 Millionen australische Dollar verdoppeln sollte. Gesundheitsminister Mark Butler sprach von «absolut erbärmlichem» Verhalten, die zuständige Ministerin Anika Wells warf der Opposition vor, trauernde Eltern «mit äusserster Verachtung» zu behandeln.
Der Streit in Canberra ist Teil einer globalen Suchbewegung. Grossbritanniens ehemaliger Premierminister Keir Starmer hatte im Juni ein Verbot sozialer Medien für alle unter 16-Jährigen angekündigt, dem australischen Vorbild folgend. Doch in der Wissenschaft mehren sich Stimmen, die den Fokus auf Plattformen für verfehlt halten. Italienische Forscher verweisen darauf, dass die psychische Krise junger Menschen vor allem auf verschlechterte materielle Lebensbedingungen zurückgehe, nicht auf die Verbreitung von Smartphones. Ein Verbot, so die in der Zeitung Domani zitierte Position, werde die tieferliegenden Ursachen nicht berühren.
Parallel dazu entfaltet sich eine Debatte, die noch vor dem ersten eigenen Account ansetzt. Eine gemeinsame Studie des Cybersicherheitsunternehmens Kaspersky und des Singapore Institute of Technology hat das Phänomen des «Sharenting» untersucht – das Teilen von Kinderfotos und -meilensteinen durch Eltern. Die Befragung in neun Ländern Asiens und Afrikas zeigt ein tiefes Unbehagen: 74 Prozent der Eltern sorgen sich, dass soziale Netzwerke die Daten ihrer Kinder für die Entwicklung von Software nutzen; 73 Prozent glauben, dass Plattformen bereits detaillierte Profile von Minderjährigen anlegen, die selbst nie ein Smartphone berührt haben. Diese «Schattenprofile» entstehen aus Fotos, Videos und Verlinkungen, die Verwandte hochladen, und erlauben Rückschlüsse auf Wohnort, Schule und Konsumverhalten.
In Kuala Lumpur formiert sich unterdessen eine Gegenbewegung, die nicht auf Verbote, sondern auf digitale Mündigkeit setzt. Bei einem Workshop, organisiert von Tatler und TikTok, plädierten malaysische Eltern dafür, Kinder mit kritischem Denken und Wissen über Einwilligung, Cybermobbing und Betrug auszustatten. «Ausschluss ist kein Schutz», sagte die vierfache Mutter Su Yen Pang. Statt Kinder von Technologie abzuschirmen, müsse man sie befähigen, sich verantwortungsvoll darin zu bewegen. Die Gründerin der Moms Village Asia, Vatsala Nair Manoharan, ergänzte, dass reine Zugangsbeschränkungen keine Resilienz aufbauten. Auffällig war die Zustimmung zu Funktionen wie TikToks «Family Pairing», die auf offene Kommunikation zwischen Eltern und Jugendlichen setzen.
So stehen sich derzeit zwei Bilder von Kindheit gegenüber: das des schutzbedürftigen Wesens, das der Staat durch Verbote vor unsichtbaren Algorithmen bewahren muss, und das des heranwachsenden Menschen, der durch Begleitung und Aufklärung lernt, sich in einer datendurchwirkten Welt zu behaupten. In Canberra ruht das verschärfte Gesetz nun für mindestens acht Wochen in einem Senatsausschuss. Die Regierung warnt, die Tech-Konzerne könnten die Zeit nutzen, um belastende Dokumente zu vernichten. Während die politische Blockade andauert, wachsen die Schattenprofile der Kinder unablässig weiter – gespeist aus den geteilten Momenten eines Familienlebens, das längst kein rein privates mehr ist.
Wie dieselbe Geschichte anderswo erzählt wird.
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Forschende vertreten die Ansicht, dass die psychische Krise junger Menschen auf verschlechterte materielle Bedingungen zurückgeht, nicht auf soziale Medien. Ein Verbot der Plattformen für Unter-16-Jährige ist daher wirkungslos. Der Fokus sollte auf den realen Härten liegen, denen Jugendliche täglich ausgesetzt sind.
Eltern in Südostasien sorgen sich um die digitale Profilerstellung ihrer Kinder durch geteilte Familieninhalte. Sie argumentieren, dass die Vermittlung digitaler Kompetenz und kritischen Denkens wirksamer ist als pauschale Verbote. Der offene Dialog zu Hause bleibt der beste Schutz gegen Online-Risiken.
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