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Gesellschaft & KulturSamstag, 20. Juni 2026

Vom langen Schatten der Arbeit und der Suche nach der wahren Erholung

Wenn die Ferien endlich beginnen, zeigen sich die Risse in Beziehungen, die Erschöpfung durch sinnentleerte Jobs und die tiefe Kluft zwischen den Privilegierten und jenen, die sich kein Entkommen leisten können.

Vor drei Jahren packte eine sechsköpfige Familie aus St. Louis das letzte Mal die Koffer für einen klassischen Strandurlaub. Sie reisten nach Miramar Beach in Florida, aßen Meeresfrüchte, spielten Minigolf und kehrten braun gebrannt zurück – doch was blieb, war ein nahezu leeres Bankkonto. Seitdem setzen sie auf Tagesausflüge in die eigene Umgebung: das kostenlose Zoo- und Kunstmuseum, ein Brunch in der Stadt. Eine Entscheidung, die ihnen nicht nur finanzielle Erleichterung brachte, sondern auch einen neuen Blick auf das, was vor der Haustür liegt.

Doch dieser Verzicht auf die große Reise ist nicht nur eine private Anpassung. Er ist Symptom einer Zeit, in der die Ferien für viele zum Brennglas gesellschaftlicher Verspannungen werden. In Schweden schlägt die Kinderrechtsorganisation Bris Alarm: Wenn Schulen und Vereine pausieren, steigt für Kinder die Gefahr, familiärer Gewalt und psychischer Belastung ausgesetzt zu sein. Die Sommerferien, so sehnsuchtsvoll erwartet, werden für manche zur zehnwöchigen Isolation. Erwachsene sollten wachsam sein und das Gespräch suchen, heißt es aus Stockholm – denn die Enttäuschung jener Kinder, die sich von ihrer Umgebung im Stich gelassen fühlen, wiegt schwer. Währenddessen zerren britische Paare an den Urlaubsfantasien: Fast die Hälfte streitet einer Studie zufolge mehr als erwartet, weil die Kluft zwischen der Instagram-perfekten Erwartung und der Realität aus Entscheidungsmüdigkeit und unausgesprochenen Rollenklischees schmerzhaft aufbricht. Und in der Schweiz belegt eine Erhebung, dass 35 Prozent der Beschäftigten nach der Arbeit zu erschöpft für Freizeitaktivitäten sind – der «lange Arm der Arbeit» reicht bis ins Bett und lässt die freien Tage zu einer bloßen Fortsetzung der Erschöpfung werden.

Gegen diese Erschöpfung hat die islamische Überlieferung eine alte Antwort. Der Prophet Mohammed wies einen Gefährten zurecht, der zwischen übermäßiger Frömmigkeit und weltlicher Ablenkung schwankte: «Eine Stunde für dies und eine Stunde für das.» In den arabischsprachigen Debatten wird dieses Gleichgewicht gerade zum Ferienbeginn eingefordert. Ein algerischer Kommentator warnt davor, die Vakanz mit vollständiger religiöser Abstinenz und verschwenderischen Feiern zu vergeuden – während anderswo in der muslimischen Welt, in Gaza oder im Sudan, Menschen in Zelten und unter Bomben leiden. Die Aufforderung, die eigenen Privilegien nicht zu missbrauchen, ist ein moralischer Kompass, der über kulturelle Grenzen hinwegweist. Er trifft sich mit der säkularen Erkenntnis der Arbeitssoziologie: Sinnlose Tätigkeiten rauben die Energie ebenso sehr wie überlange Schichten. Der Anthropologe David Graeber prägte dafür den Begriff der «Bullshit-Jobs», und die Schweizer Studie zeigt, dass nicht die Arbeitszeit allein, sondern das Gefühl der Wirkungslosigkeit den Feierabend vergiftet.

Die praktischen Ratgeber der Saison, wie sie die Frankfurter Allgemeine Zeitung oder das Göteborgs-Posten zusammenstellen, wirken dagegen wie kleine Überlebenshilfen: Welche Kreditkarte vermeidet Fremdwährungsgebühren? Wo drohen Touristensteuern oder Bußgelder für mitgebrachtes Snus? Doch hinter den Tipps steht eine größere Frage: Wie ermöglicht man Erholung, die diesen Namen verdient, ohne sich finanziell zu ruinieren oder die eigenen Werte zu verraten? Nicht jeder kann es sich leisten, wie die Familie aus Missouri radikal umzudenken. Viele Deutsche, so berichtet die FAZ, buchen trotz gestiegener Preise ihre Sommerreise – und nehmen die Kosten als unvermeidliche Belastung in Kauf.

Am Ende dieses Nachdenkens über den Urlaub steht das Bild eines Mädchens in einer schwedischen Kleinstadt, das einem Bris-Mitarbeiter am Telefon anvertraut, wie es jeden Sommer darauf wartet, dass ein Erwachsener in der Nachbarschaft endlich die richtige Frage stellt. Oder vielleicht das Bild einer Familie, die an einem Samstagnachmittag durch den Botanischen Garten von St. Louis schlendert und für ein paar Stunden den Druck vergisst, dass Glück eigentlich woanders stattfinden müsste. Es ist die leise Einsicht, dass der wahre Luxus nicht im Fernweh liegt, sondern in der Fähigkeit, die eigene Zeit und Zuwendung dorthin zu lenken, wo sie wirklich gebraucht wird.

Wie dieselbe Geschichte anderswo erzählt wird.

2 Mediengruppen · 2 Sprachen

0%
TonTemperaturFokusPositionierungHorizont
Arabische Levante-Maghreb-PresseKontinentaleuropäische Presse
Arabische Levante-Maghreb-Presse
PaternalismusSkepsis

In der arabisch-levantinischen und maghrebinischen Presse wird betont, dass Ruhe ein legitimes, in der religiösen Tradition verankertes Recht ist, aber moderne Ferien oft zu einem erschöpfenden Wettlauf werden, der die wahre geistige und gemeinschaftliche Erneuerung verfehlt.

Kontinentaleuropäische Presse
EmpörungAlarmDringlichkeit

In der kontinentaleuropäischen Presse, von nordischen bis mediterranen Medien, wird angeprangert, wie das gegenwärtige System Ferien entweder zu einem unerreichbaren Luxus oder einer finanziellen Falle macht, während sinnentleerte Arbeit die Freizeit untergräbt, Ungleichheiten vertieft und Arbeitnehmer erschöpft.

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Samstag, 20. Juni 2026

Vom langen Schatten der Arbeit und der Suche nach der wahren Erholung

Wenn die Ferien endlich beginnen, zeigen sich die Risse in Beziehungen, die Erschöpfung durch sinnentleerte Jobs und die tiefe Kluft zwischen den Privilegierten und jenen, die sich kein Entkommen leisten können.

Vor drei Jahren packte eine sechsköpfige Familie aus St. Louis das letzte Mal die Koffer für einen klassischen Strandurlaub. Sie reisten nach Miramar Beach in Florida, aßen Meeresfrüchte, spielten Minigolf und kehrten braun gebrannt zurück – doch was blieb, war ein nahezu leeres Bankkonto. Seitdem setzen sie auf Tagesausflüge in die eigene Umgebung: das kostenlose Zoo- und Kunstmuseum, ein Brunch in der Stadt. Eine Entscheidung, die ihnen nicht nur finanzielle Erleichterung brachte, sondern auch einen neuen Blick auf das, was vor der Haustür liegt.

Doch dieser Verzicht auf die große Reise ist nicht nur eine private Anpassung. Er ist Symptom einer Zeit, in der die Ferien für viele zum Brennglas gesellschaftlicher Verspannungen werden. In Schweden schlägt die Kinderrechtsorganisation Bris Alarm: Wenn Schulen und Vereine pausieren, steigt für Kinder die Gefahr, familiärer Gewalt und psychischer Belastung ausgesetzt zu sein. Die Sommerferien, so sehnsuchtsvoll erwartet, werden für manche zur zehnwöchigen Isolation. Erwachsene sollten wachsam sein und das Gespräch suchen, heißt es aus Stockholm – denn die Enttäuschung jener Kinder, die sich von ihrer Umgebung im Stich gelassen fühlen, wiegt schwer. Währenddessen zerren britische Paare an den Urlaubsfantasien: Fast die Hälfte streitet einer Studie zufolge mehr als erwartet, weil die Kluft zwischen der Instagram-perfekten Erwartung und der Realität aus Entscheidungsmüdigkeit und unausgesprochenen Rollenklischees schmerzhaft aufbricht. Und in der Schweiz belegt eine Erhebung, dass 35 Prozent der Beschäftigten nach der Arbeit zu erschöpft für Freizeitaktivitäten sind – der «lange Arm der Arbeit» reicht bis ins Bett und lässt die freien Tage zu einer bloßen Fortsetzung der Erschöpfung werden.

Gegen diese Erschöpfung hat die islamische Überlieferung eine alte Antwort. Der Prophet Mohammed wies einen Gefährten zurecht, der zwischen übermäßiger Frömmigkeit und weltlicher Ablenkung schwankte: «Eine Stunde für dies und eine Stunde für das.» In den arabischsprachigen Debatten wird dieses Gleichgewicht gerade zum Ferienbeginn eingefordert. Ein algerischer Kommentator warnt davor, die Vakanz mit vollständiger religiöser Abstinenz und verschwenderischen Feiern zu vergeuden – während anderswo in der muslimischen Welt, in Gaza oder im Sudan, Menschen in Zelten und unter Bomben leiden. Die Aufforderung, die eigenen Privilegien nicht zu missbrauchen, ist ein moralischer Kompass, der über kulturelle Grenzen hinwegweist. Er trifft sich mit der säkularen Erkenntnis der Arbeitssoziologie: Sinnlose Tätigkeiten rauben die Energie ebenso sehr wie überlange Schichten. Der Anthropologe David Graeber prägte dafür den Begriff der «Bullshit-Jobs», und die Schweizer Studie zeigt, dass nicht die Arbeitszeit allein, sondern das Gefühl der Wirkungslosigkeit den Feierabend vergiftet.

Die praktischen Ratgeber der Saison, wie sie die Frankfurter Allgemeine Zeitung oder das Göteborgs-Posten zusammenstellen, wirken dagegen wie kleine Überlebenshilfen: Welche Kreditkarte vermeidet Fremdwährungsgebühren? Wo drohen Touristensteuern oder Bußgelder für mitgebrachtes Snus? Doch hinter den Tipps steht eine größere Frage: Wie ermöglicht man Erholung, die diesen Namen verdient, ohne sich finanziell zu ruinieren oder die eigenen Werte zu verraten? Nicht jeder kann es sich leisten, wie die Familie aus Missouri radikal umzudenken. Viele Deutsche, so berichtet die FAZ, buchen trotz gestiegener Preise ihre Sommerreise – und nehmen die Kosten als unvermeidliche Belastung in Kauf.

Am Ende dieses Nachdenkens über den Urlaub steht das Bild eines Mädchens in einer schwedischen Kleinstadt, das einem Bris-Mitarbeiter am Telefon anvertraut, wie es jeden Sommer darauf wartet, dass ein Erwachsener in der Nachbarschaft endlich die richtige Frage stellt. Oder vielleicht das Bild einer Familie, die an einem Samstagnachmittag durch den Botanischen Garten von St. Louis schlendert und für ein paar Stunden den Druck vergisst, dass Glück eigentlich woanders stattfinden müsste. Es ist die leise Einsicht, dass der wahre Luxus nicht im Fernweh liegt, sondern in der Fähigkeit, die eigene Zeit und Zuwendung dorthin zu lenken, wo sie wirklich gebraucht wird.

Divergenz der Quellen

Gesellschaft & Kultur · 3 Quellen · 2 Sprachen

0%Niedrig

Wie stark die Quellen die gleichen Fakten unterschiedlich darstellen.

Wie sie sich aufteilen

Kritisch100%

Wie dieselbe Geschichte anderswo erzählt wird.

2 Mediengruppen · 2 Sprachen

TonTemperaturFokusPositionierungHorizont
Arabische Levante-Maghreb-PresseKontinentaleuropäische Presse
Arabische Levante-Maghreb-Presse
PaternalismusSkepsis

In der arabisch-levantinischen und maghrebinischen Presse wird betont, dass Ruhe ein legitimes, in der religiösen Tradition verankertes Recht ist, aber moderne Ferien oft zu einem erschöpfenden Wettlauf werden, der die wahre geistige und gemeinschaftliche Erneuerung verfehlt.

Kontinentaleuropäische Presse
EmpörungAlarmDringlichkeit

In der kontinentaleuropäischen Presse, von nordischen bis mediterranen Medien, wird angeprangert, wie das gegenwärtige System Ferien entweder zu einem unerreichbaren Luxus oder einer finanziellen Falle macht, während sinnentleerte Arbeit die Freizeit untergräbt, Ungleichheiten vertieft und Arbeitnehmer erschöpft.

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