
Der Schatten von Mount Rushmore: Amerikas 250. Geburtstag zwischen Pomp und vergessenen Geschichten
Trumps „Great American State Fair“ lockte kaum Besucher an, doch abseits der offiziellen Inszenierung erinnern kleine Paraden, verborgene Gärten und ein Marsch auf dem Underground Railroad an die widersprüchlichen Vermächtnisse der Nation.
Ein kleiner Junge rennt die Stufen hinauf, vorbei an den steinernen Präsidentenköpfen am Mount Rushmore. Er ruft nach seinem Vater, gebannt vom „Heiligtum der Demokratie“. Die meisten Besucher an diesem heißen Junitag übersehen dabei einen unscheinbaren, kreisrunden Kräutergarten im Eingangsbereich. Botaniker Rylan Sprague von der Nationalparkverwaltung hat ihn angelegt, einen ethnobotanischen Garten, dessen einzelne Felder in Richtung heiliger Stätten der Lakota in den Black Hills weisen. Es ist ein Gegengedächtnis, das daran erinnert, dass dieser Granitfels einst den Ureinwohnern gehörte und die gefeierten Gründerväter eine Demokratie auf Vertreibung und gebrochenen Verträgen errichteten.
Zum 250. Jahrestag der Unabhängigkeit wollte Präsident Donald Trump mit dem „Great American State Fair“ auf der National Mall in Washington ein patriotisches Hochamt zelebrieren. Doch die 16‑tägige Messe, die mit einer Rede des Präsidenten eröffnet wurde, blieb weitgehend verwaist. Statt der behaupteten 45.000 Zuhörer kamen nach Zählung von NBC News kaum mehr als 1.000, viele von ihnen in Trump‑Merchandise. Stromausfälle ließen das Riesenrad stillstehen, eine nicht genehmigte Konföderiertenflagge am Stand North Carolinas sorgte für Empörung, und mehrere Bundesstaaten wie Maine und Pennsylvania verweigerten ihre offizielle Teilnahme. Country‑Sängerin Martina McBride sagte auf, weil die Veranstaltung „viel parteiischer geworden sei, als ich zugesagt hatte“. Die New York Times spottete über eine „Geisterstadt“, das Onlinemagazin The Atlantic titelte: „The Great American State Fair isn’t very great.“
Fernab der Hauptstadt zeigt sich ein anderer Patriotismus. In Cumberland, einer Kleinstadt in den Appalachen, gelang es der Hauptstraßenmanagerin Melinda Kelleher, mit einer Parade die gesamte Gemeinde zu versammeln – Linke wie Rechte. Der 70‑jährige Al Fieldstein erinnerte sich, wie schon Präsident Benjamin Harrison 1889 diesen Weg entlanggezogen war, und deutete auf die spielenden Kinder zu seinen Füßen: „Das warst du einmal.“ Die Parade mit Blaskapellen, Armeefahrzeugen und Bonbons werfendem Bürgermeister fühlte sich an, „wie es früher war“. Gleichzeitig wanderte der Historiker Anthony Cohen 750 Meilen entlang des Underground Railroad von Maryland nach Toronto. Begleitet wurde er von Tom DeWolf, einem Nachkommen des einst größten Sklavenhändlers der USA. „Jede Freiheitsbewegung bedeutet, einen Fuß vor den anderen zu setzen“, sagte Cohen. Gemeinsam sprachen sie entlang der Route über das Erbe der Sklaverei und die unvollendete Reise zur Gleichheit.
Jüdische Organisationen nutzen das Jubiläum, um an die lange Geschichte religiöser Freiheit zu erinnern. Das Jüdische Museum in New York zeigt in der Ausstellung „Circa 1776“ Briefe zwischen Präsident George Washington und Moses Seixas, dem Vorsteher der ältesten Synagoge der Vereinigten Staaten. Washington antwortete 1790 mit dem Versprechen, dass jeder „in Sicherheit unter seinem eigenen Weinstock und Feigenbaum sitzen“ solle – ein Urtext jüdischer Zugehörigkeit. Das Weitzman National Museum of American Jewish History in Philadelphia präsentiert „The First Salute“, die Geschichte sephardischer Kaufleute, die heimlich Waffen an die Kontinentalarmee lieferten. Eine landesweite Umfrage von NBC News zeigt, dass fast zwei Drittel der Amerikaner die Abschaffung der Sklaverei, das Frauenwahlrecht oder die Mondlandung als größte Errungenschaften nennen. Ein Mann aus Texas sagte: „Die Abschaffung der Sklaverei war eine großartige Leistung für uns, ein Beweis dafür, dass wir Gesetze machen, um Menschen zu helfen.“
Am Mount Rushmore soll am Vorabend des 4. Juli ein großes Feuerwerk den 250. Geburtstag krönen. Während die Raketen über den Präsidentenköpfen zerplatzen, bleibt der unscheinbare Kräutergarten still. Seine Steinmauern zeigen in die Ferne, zu Orten, die in keiner offiziellen Festrede vorkommen. Der Junge, der die Stufen hinaufläuft, sieht vielleicht nie zurück. Doch die Pflanzen wachsen weiter, ein lebendiges Archiv einer anderen, unerzählten Geschichte.
Wie dieselbe Geschichte anderswo erzählt wird.
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The American 250th celebration reveals a divided nation: small towns organize inclusive parades while a controversial state fair sponsored by Trump faces low attendance and Confederate flag issues. Meanwhile, a historian's walk along the Underground Railroad reminds that the nation's journey includes slavery and the struggle for freedom. The coverage highlights both local grassroots unity and national political strife.
American Jewish organizations mark the 250th anniversary with a mix of celebration and caution, as the event becomes politicized. Public opinion shows most Americans believe the founders would be disappointed in today's nation, yet there is still nostalgia for past bicentennials. The Jewish community navigates religious freedom debates while participating in the broader commemoration.
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