
Der Polizist, der die Welt zum Tanzen brachte: Zum Tod von Victor Willis
Victor Willis, Frontmann der Village People und Co-Autor von „Y.M.C.A.“, starb einen Tag vor seinem 75. Geburtstag – sein Hit wurde zur Hymne für Schwulenbewegung und Trump-Rallyes gleichermaßen.
Es war ein Bild, das um die Welt ging: Donald Trump, der künftige Präsident, wiegte im Januar 2025 auf einer Bühne in Washington die Hüften, während neben ihm ein Mann in enger Polizeiuniform mit markantem Schnauzbart ins Mikrofon sang. Victor Willis, der Frontmann der Village People, lieferte den Soundtrack zu dieser Szene, die so widersprüchlich war wie die Karriere des Sängers selbst. Kein halbes Jahr später, am 30. Juni 2026, vermeldete die Band auf Facebook seinen Tod – die Folge einer kurzen, aber aggressiven Krankheit, wie es hieß. Einen Tag vor seinem 75. Geburtstag war der Mann verstummt, dessen Stimme seit den späten Siebzigern auf unzähligen Hochzeiten, in Fußballstadien und auf politischen Kundgebungen erklang.
Willis, 1951 in Dallas als Sohn eines Baptistenpredigers geboren, hatte das Singen im Kirchenchor gelernt, bevor er über den Broadway – er spielte in „Hair“ und „The Wiz“ – in die New Yorker Discoszene geriet. Der französische Produzent Jacques Morali holte ihn 1977 für ein Konzeptalbum, das zum Gründungsmoment der Village People wurde. Gemeinsam mit Morali und Henri Belolo schrieb Willis Hits wie „Macho Man“, „In the Navy“ und vor allem „Y.M.C.A.“, deren eingängige Melodie und die dazugehörige Armbewegungschoreographie binnen kürzester Zeit zum globalen Phänomen wurden. Die Gruppe, die mit ihren Kostümen – Polizist, Cowboy, Bauarbeiter, Indianer, Soldat, Lederkerl – gezielt mit schwulen Stereotypen spielte, verkaufte mehr als 100 Millionen Tonträger. Willis selbst verließ die Band 1980, kämpfte jahrelang mit Drogenproblemen und vor Gericht um die Urheberrechte, ehe er 2017 nach einem Vergleich wieder als Frontmann einstieg.
Die kulturelle Aufladung von „Y.M.C.A.“ entfaltete sich in zwei widersprüchlichen Richtungen. In den USA und weiten Teilen Europas wurde das Lied schon kurz nach seinem Erscheinen zur inoffiziellen Hymne der Schwulenbewegung – eine Lesart, die Willis zeitlebens vehement bestritt. Er drohte 2024 gar mit Klagen gegen jeden, der diesen Zusammenhang behaupte. Gleichzeitig adoptierte Trump den Song ab 2020 für seine Wahlkampfauftritte, tanzte mit steifen Hüftschwüngen und geballten Fäusten dazu und machte ihn so zum Markenzeichen einer konservativen Bewegung. Aus lateinamerikanischer Perspektive blieb „Y.M.C.A.“ dagegen vor allem ein Garant für volle Tanzflächen, während Beobachter in Europa die Ironie registrierten, dass ausgerechnet ein Stück, das mit camp-Ästhetik und subkulturellen Codes spielte, zum Soundtrack eines Präsidenten wurde, der von vielen als Gegner von LGBTQ-Rechten wahrgenommen wird. Willis selbst lavierte: Zunächst untersagte er die Nutzung, dann akzeptierte er sie mit Verweis auf die Millionenumsätze, die der Song durch Trumps Rallyes wieder einspielte, und betonte, die Band sei „nicht politisch“.
Die Nachricht von Willis’ Tod löste weltweit Reaktionen aus. Trump kondolierte auf Truth Social und nannte ihn einen „großartigen und fröhlichen Kerl“. In den sozialen Medien erinnerten Fans von São Paulo bis Stockholm an die Partys ihrer Jugend, während Kulturkommentatoren in den USA und Frankreich die eigenartige Karriere eines Songs nachzeichneten, der es vom schwulen Underground in die Library of Congress und ins Grammy Hall of Fame schaffte. Die Band selbst bat um Privatsphäre – ein stiller Kontrapunkt zu dem Lärm, den ihre Musik über fast fünf Jahrzehnte erzeugt hatte.
Am Abend seines Todestages, dem Vorabend seines Geburtstages, dürfte „Y.M.C.A.“ irgendwo auf der Welt gelaufen sein, vielleicht in einer Bar in San Francisco, wo Willis einst Gospel sang, oder auf einem Dorffest in der Schweiz, wo die Gäste die Buchstaben mit den Armen formten. Der Mann im Polizeikostüm ist gegangen, die Melodie bleibt – ein Ohrwurm, der sich von jeder politischen Vereinnahmung löst und einfach nur zum Tanzen auffordert.
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