
Der Bär, der nicht herunterkam: Zwei Strommasten, zwei Schicksale
In Arizona und New Mexico kletterten Bären auf Strommasten – die viralen Videos zeigen die Hilflosigkeit der Tiere und die grundverschiedenen Reaktionen der Menschen.
Zuerst hielten sie das Tier für tot. Shannon Mullens war mit ihrer Familie auf dem Highway 56 im ländlichen New Mexico unterwegs, als sie eine Gestalt auf dem Querarm eines Telefonmasts entdeckte, reglos in der gleißenden Julisonne. „Wir konnten kaum glauben, was wir sahen, also wendeten wir, um einen zweiten Blick darauf zu werfen“, erzählte sie später. Erst aus der Nähe bemerkten sie das leise Keuchen, das Zittern der Flanken. Ein Schwarzbär klammerte sich mit den Vorderpranken an das Holz, die Hinterläufe baumelten in der Luft, zehn Meter über dem Boden, nur Zentimeter von den Hochspannungsleitungen entfernt. Das Bild dieses prekären Gleichgewichts, festgehalten mit einer Handykamera, sollte binnen Stunden um die Welt gehen.
Was folgte, war eine Geschichte, die in zwei sehr unterschiedlichen Versionen erzählt wurde. Nur wenige Monate später, im November 2025, spielte sich im Cochise County in Arizona eine nahezu identische Szene ab: Ein neugieriger Schwarzbär war einen Strommast hinaufgeklettert und saß nun fest, umgeben von tödlicher Spannung. Diesmal jedoch rückten nicht nur Schaulustige an, sondern auch Techniker des Energieversorgers. Sie schalteten die Leitung ab, und ein Mitarbeiter namens Werner Neubauer näherte sich dem Tier mit einer Hubarbeitsbühne. Mit einer langen Glasfaserstange dirigierte er den Bären behutsam, fast zärtlich, zum Abstieg. Wenig später sprang das Tier unversehrt zu Boden und verschwand im Gestrüpp der Wüste. In New Mexico hingegen warteten die Behörden ab. Ein Betäubungspfeil, so die Logik, hätte das Tier zum Absturz bringen können; man hoffte, der Bär werde von selbst hinabsteigen. Er tat es nicht. Noch bevor ein spezialisiertes Rettungsteam eintraf, erlitt das Tier einen Stromschlag und starb.
Die beiden Episoden sind mehr als nur kuriose Nachrichten aus der Tierwelt. Sie werfen ein Schlaglicht auf das prekäre Verhältnis zwischen menschlicher Infrastruktur und wilden Tieren, die sich in einer zersiedelten Landschaft zurechtfinden müssen. Wildbiologen erklären, dass Bären Strommasten oft mit Bäumen verwechseln – besonders dann, wenn sie in Panik geraten, aufgeschreckt durch Verkehr, Hunde oder neugierige Menschen. Der Mast wird zur vermeintlichen Zuflucht, die sich als Falle entpuppt. In beiden Fällen hielten Autofahrer an, zückten ihre Handys und riefen den Notruf. Die Videos, die sie produzierten, wurden zu viralen Sensationen, geteilt von Millionen, kommentiert mit einer Mischung aus Sorge, Faszination und Galgenhumor. Sogar das US-Innenministerium griff den Clip aus New Mexico auf und scherzte auf Twitter: „Wir schätzen die Begeisterung für amerikanische Energiedominanz, aber so war das nicht gemeint.“
Doch hinter der digitalen Verbreitung stand eine zutiefst menschliche Ohnmacht. In New Mexico erklärte die Notrufzentrale der Anruferin, man könne nichts tun – ein Eingeständnis, das in den sozialen Netzwerken Empörung auslöste. „Sie hätten den Strom abschalten können, wie in Arizona“, schrieben Nutzer. Das zuständige Ministerium für Fisch und Wild verwies darauf, man habe die Öffentlichkeit gebeten, den Ort zu verlassen, um das Tier nicht weiter zu stressen – vergeblich. Die Schaulustigen blieben, filmten, und der Bär starb vor laufender Kamera. In Arizona hingegen wurde der Strom abgeschaltet, der Verkehr gestoppt, und ein einzelner Techniker vollführte eine Rettung, die später als Musterbeispiel für den Umgang mit solchen Notfällen galt. Die italienische Zeitung „Il Fatto Quotidiano“ sprach von einem „incredibile salvataggio“, einem unglaublichen Rettungseinsatz, und tatsächlich erinnerte die Szene an eine behutsame Choreographie zwischen Mensch und Tier.
Am Ende blieben zwei Bilder. Das eine zeigt einen Bären, der nach geglückter Rettung in Arizona auf allen vieren davonläuft, hinein in die Weite der Chihuahua-Wüste, als wäre nichts geschehen. Das andere zeigt einen leeren Holzmast an einer Landstraße in New Mexico, über dem die Drähte noch immer summen. Dazwischen liegt die Frage, was es bedeutet, wenn ein ganzes Land einem Tier beim Sterben zusieht – und ein anderes Mal die gleiche Szene ein gutes Ende nimmt, weil jemand rechtzeitig den Strom abstellte.
| Atlantische / angloamerikanische Presse | −0.20 | neutral |
|---|---|---|
| Kontinentaleuropäische Presse | +0.70 | aligned |
| Lateinamerikanische Presse | −0.60 | critical |
Die Fakten sprechen für sich: Der Tod des Bären war unter den gegebenen Umständen ein unvermeidlicher Unfall.
Indem nur die sachliche Abfolge der Ereignisse ohne Kommentar dargestellt wird, impliziert die Erzählung, dass niemand schuld ist und der Ausgang unvermeidlich war.
Die erfolgreiche Rettung eines Bären in Arizona, die im Gegensatz zu dieser Tragödie steht, wird nicht erwähnt.
Die Rettung war dank des Geschicks der Techniker ein Erfolg und verwandelte eine gefährliche Situation in eine herzerwärmende Geschichte.
Durch die Verwendung kultureller Referenzen und eines spielerischen Tons wird das Ereignis als amüsante Anekdote und nicht als ernster Wildnisvorfall dargestellt.
Der tragische Tod eines Bären in New Mexico, der ein anderes Ergebnis zeigt, wird weggelassen.
Die Behörden tragen die Schuld am Tod des Bären, weil sie nicht schnell genug gehandelt haben, um ihn zu retten.
Indem die Verzögerung und der Mangel an Maßnahmen betont werden, konstruiert die Erzählung einen Fall von Fahrlässigkeit gegen die verantwortlichen Behörden.
Die Erklärung, dass eine Betäubung des Bären einen tödlichen Sturz verursacht hätte, wird heruntergespielt oder weggelassen, wodurch die Behörden fahrlässig erscheinen.
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