
Unterwegs mit Matt Damon: Die älteste Abschrift der Odyssee auf Pressereise
Eine pergamentene Handschrift aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. reiste mit der Starbesetzung von Nolans Verfilmung – und entfachte eine Debatte über Treue und Aktualität des antiken Epos.
Im Juli 2026 gesellte sich ein stiller Gast zur pompösen Promotour von Christopher Nolans „Odyssey“. Zwischen Matt Damon, Anne Hathaway und Tom Holland stand, geschützt durch zwei Glasscheiben, der „Manchester Odyssey“ – die älteste erhaltene Buchfassung des homerischen Epos. Der Kodex, im 3. Jahrhundert v. Chr. von einem ägyptischen Schreiber auf Pergament kopiert, birgt Fragmente der Gesänge 12 bis 15 und 18 bis 24; noch heute sind die von Hand eingetragenen Buchnummern sichtbar. Die John Rylands Library in Manchester hatte das fragile Manuskript für die Pressejunket freigegeben, eine Geste, die Jahrtausende und Genres auf unerwartete Weise überbrückte.
Schon vor Kinostart am 17. Juli hatte die Akademie in Los Angeles, New York und London geschlossene Vorführungen organisiert. „Ich dachte nicht, dass man ‚Oppenheimer‘ übertreffen könne – aber Nolan ist es gelungen“, zitierte das Branchenblatt Variety ein anonymes Akademiemitglied. Ein anderer sprach von einem „sehr spektakulären, wenngleich etwas langen“ Film, ein Schauspieler sah Matt Damon reif für den Oscar und betonte, er habe zweimal geweint. In Italien hingegen veröffentlichte Andrea Spinelli im „Il Fatto Quotidiano“ eine ganz andere Bilanz: seine „Top 5 der peinlichsten Momente“. Spinelli geißelte den Film als „wiederholten, düsteren, gigantischen Nolan-Film“, der den homerischen Helden in einen humorlosen, von Schuldgefühlen geplagten Nolan-Protagonisten verwandle; Szenen wie eine Calypso als Therapeutin, eine zur imaginären Freundin reduzierte Athene oder chromblitzende Lestrigonen-Rüstungen verknappten den Mythos zu einem pseudo-anthropologischen Erklärstück. Damit standen sich Überschwang und Verdikt schroff gegenüber.
Der Kinostart befeuerte eine Renaissance des antiken Texts. Circana BookScan meldete für alle gedruckten Ausgaben einen Absatzsprung von 76 Prozent, und Spotify verzeichnete am Premierentag einen Anstieg der Hörbuch-Streams um mehr als 500 Prozent. Insgesamt summieren sich die 91 verfügbaren Audiobuch-Editionen in zehn Sprachen auf über 43 Jahre ununterbrochener Wiedergabe. Auffällig: 36 Prozent der Hörer sind der Generation Z zuzurechnen, 45 Prozent den Millennials – und 63 Prozent männlich. Lena Yang, leitende Redakteurin bei Spotify, zeigte sich erfreut, „einen geliebten Klassiker zu einem neuen Publikum finden zu sehen“. Offenbar sucht gerade das jüngere Publikum nach dem Film den Weg zurück zur schriftlichen Vorlage.
Nach Ende der Junket kehrte der Manchester-Kodex in die Vitrine der Rylands Library zurück. Dort wird er weiterhin mit hochauflösender Bildgebung und photometrischen Verfahren konserviert, finanziert auch vom britischen National Manuscripts Conservation Trust. Die Fragmente tragen Korrekturen eines zweiten antiken Lesers – ein stiller Beweis, dass die Auseinandersetzung mit der Odyssee nie bloß Rezeption war, sondern stets ein lebendiger Dialog. Ob in IMAX-Sälen oder auf Spotify, der Gesang des Odysseus nimmt immer neue Gestalt an.
| Kontinentaleuropäische Presse | −0.20 | neutral |
|---|---|---|
| Atlantische / angloamerikanische Presse | −0.30 | critical |
| Russische & GUS-Presse | +0.80 | aligned |
| Israelische Presse | +0.10 | neutral |
We continental Europeans greet Nolan's Odyssey with ambivalence: we admire its visual power but doubt its Homeric fidelity. The debate is open, between those who applaud the audacity and those who frown.
Continental European press builds plausibility by alternating criticism and admiration, thus balancing overall judgment. The use of terms like 'cringe' lowers the film's solemnity, while referencing the fidelity debate places it in a cultural frame.
It does not mention the enthusiasm of Oscar voters or the display of the ancient codex, central in other blocs.
We Atlantic observers see Nolan's Odyssey as yet another self-portrait of the director, rather than an adaptation of the Greek epic. We praise the technical mastery but remain skeptical of its ability to capture Homer's spirit.
Atlantic analysis makes its position plausible by interpreting the film as a projection of Nolan's obsessions, using comparisons with his previous works. This shifts the criterion from fidelity to auteurism.
It omits the ancient codex on display and the commercial impact on Homer's book sales.
We Russians celebrate Nolan's Odyssey as an absolute masterpiece, superior to Oppenheimer. Academy members are delighted, and the film is destined to triumph at the Oscars. It is the director's crowning achievement.
Russian press builds plausibility through anonymous testimony from Academy members, creating an effect of truth and consensus. The emphasis on surpassing Oppenheimer establishes a hierarchy of success.
It silences the European criticisms regarding fidelity to Homer and the historical presence of the codex.
We Israelis look at Nolan's Odyssey with historical interest: the ancient codex on display is a bridge between past and present. We focus on the unique piece, not on the film itself.
Israeli press makes its antiquarian perspective plausible by focusing on the material object (the codex) as a bridge between eras, avoiding judgment of the film. This creates a critical distance that appears objective.
It does not report discussions on the film's fidelity or the enthusiasm of Academy members.
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