
Das Erbe Alan Greenspans: Der «Greenspan Put» und die Debatte um die Unabhängigkeit der Fed
Der Tod des langjährigen Fed-Chefs entfacht eine Neubewertung seiner Politik des nachträglichen Krisenmanagements und der Folgen für die heutige Geldpolitik.
Mit dem Tod Alan Greenspans im Alter von 100 Jahren rückt die Bilanz seiner fast zwei Jahrzehnte währenden Amtszeit an der Spitze der US-Notenbank in den Fokus. Der am 22. Juni Verstorbene prägte von 1987 bis 2006 eine Ära, die von der «Great Moderation» – einer Phase stabilen Wachstums und niedriger Inflation – ebenso gekennzeichnet war wie von der Asienkrise, dem Platzen der Dotcom-Blase und dem Vorbeben der großen Finanzkrise. Unmittelbar messbar wird sein Erbe an der anhaltenden Diskussion über die Rolle der Fed: Soll sie Vermögenspreisblasen frühzeitig entgegenwirken oder erst nach deren Platzen mit massiven Zinssenkungen eingreifen – jene Strategie, die als «Greenspan Put» in die Finanzgeschichte einging.
Aus Washingtoner Sicht verkörperte Greenspan eine Technokratie, die der Notenbank eine nahezu orakelhafte Autorität verlieh. Sein als «Greenspeak» bezeichneter, bewusst kryptischer Kommunikationsstil diente dazu, Märkte zu beruhigen, ohne sich festzulegen. Zugleich verteidigte er die Unabhängigkeit der Fed gegenüber politischem Druck, etwa als Präsident George H. W. Bush 1990 niedrigere Zinsen forderte. Diese institutionelle Eigenständigkeit, so betonen Beobachter in den USA, habe das Vertrauen der Märkte und ausländischer Regierungen in die amerikanische Geldpolitik gefestigt – ein Gut, das in Zeiten wachsender politischer Einflussnahme auf Behörden nicht mehr selbstverständlich sei.
Kritiker in den Vereinigten Staaten, darunter der frühere Arbeitsminister Robert Reich, machen Greenspans Weigerung, spekulative Übertreibungen einzudämmen, für die Schwere der Finanzkrise 2008 mitverantwortlich. Die von ihm geförderte Deregulierung der Wall Street und das Vertrauen auf die Selbstregulierung der Banken hätten eine Kreditblase ermöglicht, deren Platzen Millionen Amerikaner Arbeitsplätze und Ersparnisse kostete. Greenspan selbst räumte später ein, das Eigeninteresse der Banker überschätzt zu haben. Demgegenüber verweisen Verteidiger auf seinen erfolgreichen Vorsitz der überparteilichen Greenspan-Kommission 1982/83, die die Sozialversicherung sanierte, sowie auf die These, dass das Zulassen der Dotcom-Blase eine produktivitätssteigernde Technologierevolution ermöglicht habe.
Für die Zukunft der Geldpolitik gewinnt diese Debatte an Schärfe durch die Person Kevin Warsh, der in US-Medien als möglicher künftiger Fed-Chef gehandelt wird. Warsh teilt laut Beobachtern Greenspans Abneigung gegen präventives Eingreifen in Vermögenspreisblasen, steht aber der seit 2008 praktizierten massiven Bilanzausweitung der Notenbank kritisch gegenüber. Eine Abkehr vom «Greenspan Put» – also ein Verzicht auf schnelle Zinssenkungen nach Markteinbrüchen – würde die Risikowahrnehmung an den Finanzmärkten grundlegend verändern.
Die nächste Bewährungsprobe für das Erbe Greenspans steht bevor, wenn die Federal Reserve in den kommenden Quartalen über ihre Geldpolitik angesichts historisch hoher Vermögenspreise entscheidet. Die Sitzungen des Offenmarktausschusses werden zeigen, ob die Notenbank an der Doktrin des nachträglichen Krisenmanagements festhält oder neue Wege sucht.
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Greenspans Tod entfacht die Kritik an seinem Erbe neu: Der 'Greenspan Put' wird für die übermäßige Risikobereitschaft verantwortlich gemacht, die in der Großen Rezession gipfelte. Die aktuelle Fed-Führung wird davor gewarnt, denselben Fehler zu wiederholen und Vermögensblasen zu ignorieren. Der einst verehrte Maestro gilt heute eher als Mahnung denn als Orakel.
Greenspans Tod lädt zu einer differenzierten Betrachtung eines Erbes ein, das vom 'Greenspan Put' und dem berüchtigt undurchsichtigen 'Greenspeak' geprägt ist. Während seine Politik heute als Wegbereiter finanzieller Exzesse gilt, erinnert die Hommage auch an den Menschen hinter dem Technokraten – einen begabten Klarinettisten, der mit Jazzgrößen spielte. Die Debatte wird weniger als Urteil, denn als komplexe historische Bilanz geführt.
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