
Bibellektüre in Hagia Sophia: Russisches Paar in Abschiebehaft
Die türkischen Behörden werfen den Touristen „Aufstachelung zu Hass“ vor; das russische Konsulat prüft den Fall, während die historische Stätte erneut zum Schauplatz religiöser Spannungen wird.
In Istanbul ist ein russisches Ehepaar nach der Lektüre der Bibel in der Hagia Sophia festgenommen und in ein Abschiebezentrum überstellt worden. Die türkischen Behörden werfen der 35-jährigen Viktorija und dem 32-jährigen Igor F. vor, durch das Lesen der Heiligen Schrift in dem als Moschee genutzten Bauwerk den Straftatbestand der Aufstachelung zu Hass oder Feindseligkeit nach Artikel 216 des türkischen Strafgesetzbuchs erfüllt zu haben. Das Paar, das aus Moskau zum Urlaub angereist war, wurde am 13. Juli im oberen Galeriebereich, der weiterhin als Museumsfläche dient, von Sicherheitskräften umstellt und abgeführt.
Das russische Generalkonsulat in Istanbul bestätigte, die Umstände des Vorfalls zu prüfen und mit dem Anwalt der Festgenommenen sowie den zuständigen türkischen Stellen in Kontakt zu stehen. Nach Angaben der Betroffenen, die über russische Medien verbreitet wurden, sind sie nach der Festnahme voneinander getrennt worden und klagen über mangelnde Verpflegung. Die türkische Polizei hat den Vorfall gegenüber der staatlichen Nachrichtenagentur TASS bestätigt, sich jedoch nicht zu den Gründen geäußert. Offizielle Stellungnahmen der türkischen Regierung oder der Migrationsbehörde liegen bislang nicht vor.
Die Hagia Sophia, im 6. Jahrhundert als byzantinische Kathedrale erbaut, war nach der osmanischen Eroberung 1453 zur Moschee umgewandelt, 1934 im Zuge der kemalistischen Reformen zum Museum erklärt und 2020 unter Präsident Recep Tayyip Erdoğan erneut als Moschee gewidmet worden. Die Umwidmung hatte international Kritik ausgelöst; die russisch-orthodoxe Kirche sprach von einer Bedrohung der gesamten christlichen Zivilisation. Aus Sicht der türkischen Regierung stellt die Nutzung als Moschee eine legitime Ausübung nationaler Souveränität über das UNESCO-Weltkulturerbe dar. Die Vereinigten Staaten und die Europäische Union äußerten 2020 Bedauern über die Umwandlung und warnten vor einer Vertiefung religiöser Gräben.
Die beiden russischen Staatsbürger befinden sich derzeit in einem Abschiebezentrum im Istanbuler Stadtteil Arnavutköy. Die türkischen Behörden entscheiden über ihre Ausweisung. Das russische Konsulat hat konsularischen Beistand zugesichert. Ein Gerichtstermin oder eine offizielle Anklageerhebung ist nicht bekannt. Der Fall reiht sich ein in eine Reihe von Vorfällen, bei denen die Regeln für das Verhalten in der nunmehr als Moschee betriebenen Hagia Sophia im Spannungsfeld zwischen Religionsfreiheit und öffentlicher Ordnung stehen.
| Kontinentaleuropäische Presse | 0.00 | neutral |
|---|---|---|
| Russische & GUS-Presse | 0.00 | neutral |
| Atlantische / angloamerikanische Presse | −0.50 | critical |
Das russische Paar hat die Regeln einer muslimischen Kultstätte verletzt, und die türkischen Behörden haben das Gesetz angewendet.
Die Berichterstattung ohne historische oder religiöse Kommentare macht den Vorfall zu einer routinemäßigen Polizeisache und entschärft seine symbolische Aufladung.
Die historische Bedeutung der Hagia Sophia als ehemalige christliche Kathedrale und ihre Umwandlung in eine Moschee werden nicht hervorgehoben.
Russland befolgt das konsularische Verfahren, um seine Bürger zu schützen, ohne sich auf die religiöse Kontroverse einzulassen.
Die Betonung der diplomatischen Rolle und des Fehlens offizieller Informationen reduziert die Spannung und lenkt die Aufmerksamkeit auf das rechtliche Verfahren, wodurch die symbolische Aufladung entschärft wird.
Der provokative Charakter des Bibellesens in einer Moschee und die türkische Anklage der Volksverhetzung werden heruntergespielt.
Die Türkei unterdrückt die Religionsfreiheit an einem symbolträchtigen christlichen Ort und macht einen Glaubensakt zu einem Verbrechen.
Die Einordnung des Vorfalls in die Geschichte der Umwandlung der Hagia Sophia beschwört einen Zusammenprall der Zivilisationen herauf und erzeugt Empathie für das Paar, das als Opfer dargestellt wird.
Die türkische Rechtfertigung auf der Grundlage der Moscheeregeln und die Tatsache, dass das Paar nicht misshandelt wurde, werden nicht dargestellt.
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