
Wenn um sieben Uhr vier Minuten alle Arzttermine vergeben sind
In Schweden, Spanien und Marokko zeigen sich die Risse in der Grundversorgung – und mit ihnen wächst eine stille kulturelle Erschöpfung, die bis in die Sprechzimmer und Kreißsäle reicht.
Es ist kurz nach sieben an einem schwedischen Sommermorgen. X, ein mehrfach erkrankter Mann mit einer nicht lebensgefährlichen, aber quälenden Beschwerde, ruft seine Hausarztpraxis an. Eine Bandansage vertröstet auf einen Rückruf. Als der ein paar Stunden später kommt, erfährt X, dass sein Anruf um 7:04 Uhr registriert wurde – und dass sämtliche Arzttermine des Tages bereits vergeben sind. Nur Akutfälle würden noch gesehen, heißt es, und für eine Abklärung solle er sich im September oder Oktober wieder melden. Auf seine Frage nach der Notaufnahme bekommt er zur Antwort, man werde ihn ohnehin an die Praxis zurückverweisen. „First come, first served“, soll die Schwester gesagt haben. In Schweden, so notiert es die frühere Krankenschwester Ingrid Kampås in einem aufgebrachten Beitrag für Göteborgs-Posten, herrsche im Jahr 2026 eine „Wer-zuerst-kommt-malt-zuerst-Medizin“.
Was sich in dieser Szene verdichtet, ist mehr als ein organisatorisches Versagen. Seit 2019 hat Schweden über 35 Milliarden Kronen in eine Reform der Primärversorgung gesteckt, die eine wohnortnahe, patientenzentrierte Medizin mit festem Arztkontakt versprach. Aus Sicht der zuständigen Analysebehörde und eines von der Genossenschaft Praktikertjänst beauftragten Berichts ist keines der Ziele erreicht worden. Das Geld, so der Vorwurf aus mehreren schwedischen Quellen, sei in kurzfristigen Projekten und zusätzlicher Verwaltung versickert. Kampås, die zehn Jahre in Deutschland gelebt hat, hält das dortige Hausarztsystem dagegen: Einem Deutschen, schreibt sie, könne man von solchen Zuständen nicht erzählen, ohne für verrückt gehalten zu werden.
Der Druck auf das medizinische Personal und die Patienten erschöpft sich nicht in der Primärversorgung. In einer Umfrage des schwedischen Pflegeverbands gaben 94 Prozent der befragten Hebammen an, die Sommerbesetzung sei unzureichend und die Patientensicherheit gefährdet. In Borås mussten 200 Lücken im Dienstplan mit angeordneten Überstunden gestopft werden, in Sunderbyn arbeitet das Personal 12,5-Stunden-Schichten. Eine Schwangere aus Boden, Karoliina Ikonen, muss für einen geplanten Kaiserschnitt drei Stunden nach Gällivare fahren und ein Hotelzimmer buchen, weil das nahe gelegene Krankenhaus die Kapazitäten nach medizinischer Dringlichkeit staffelt. Gleichzeitig schildert eine erschöpfte Pflegekraft aus der Altenpflege in Kristianstadsbladet, wie sie und ihre Kolleginnen ohne Pausen von Alarm zu Alarm eilen, die Bewohner sich aus Rücksicht kaum noch zu rufen trauen und das Team die ohnehin knappen Ruhezeiten getrennt verbringt, um nicht den Eindruck von Faulheit zu erwecken.
Diese Szenen der Überlastung haben eine kulturelle Kehrseite, die in der Begegnung mit dem Fremden aufbricht. In Spanien, wo jeder zehnte Arzt im Ausland geboren wurde, beschreibt ein Beitrag in El Confidencial eine nächtliche Notaufnahme: Ein Patient mit Bauchschmerzen und seine Frau mustern den hereinkommenden Arzt, dessen Akzent beim „Buenas noches“ sofort verrät, dass er kein Einheimischer ist. Mit jeder Frage wächst das Misstrauen, die Frau beklagt sich später, sie habe genug von Ausländern, die man nicht verstehe, „wie in den Callcentern“. Der Arzt untersucht gewissenhaft, doch für das Paar zählt vor allem die fremde Zunge. Aus marokkanischer Perspektive wiederum warnt ein Gewerkschafter in Hespress davor, dass im Provinzkrankenhaus von Wazzan im August die einzige Gynäkologin in Urlaub geht – ohne Vertretung. Gebärende werden dann nach Chefchaouen oder Tétouan umgeleitet, während ein seit sechs Jahren im Bau befindlicher Neubau weiterhin nicht eröffnet ist.
Arabische Kommentatoren deuten solche Risse als Symptome einer tieferen moralischen Erschöpfung. In Echorouk wird die Gegenwart als eine Zeit beschrieben, in der das Falsche seine Heerscharen mobilisiere und der Einzelne um seinen Glauben fürchten müsse. Der Beitrag aus Al Ittihad wiederum analysiert Rassismus als eine Pandemie, die den Blick verzerre und den anderen entmenschliche – eine „moralische Blindheit“, die sich gerade dann zeige, wenn ein Patient dem ausländischen Arzt misstraut oder eine Gesellschaft die Schwächsten im Stich lässt. Als Heilmittel wird nicht die Konfrontation empfohlen, sondern die „Spiegelfrage“ und die Kraft der Erzählung, die den Fremden als Menschen mit einer Geschichte sichtbar mache.
Am Ende bleibt das Bild einer Frau, die am Vorabend ihres Kaiserschnitts in einem Hotelzimmer in Gällivare sitzt, dreihundert Kilometer von zu Hause entfernt, und darauf vertraut, dass schon alles gut gehen werde. Sie weiß, dass andere Familien solche Entfernungen immer zurücklegen müssen. Und doch ist es dieses leise Zugeständnis an die Notwendigkeit, das die vielen kleinen Kapitulationen des Alltags in sich trägt – das frühmorgendliche Wählen der Nummer, den fremden Akzent in der Notaufnahme, den ungehörten Alarm in der Altenpflege.
| Kontinentaleuropäische Presse | −0.70 | critical |
|---|---|---|
| Arabische Levante-Maghreb-Presse | −0.50 | critical |
| Arabische Golfpresse | −0.30 | critical |
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