
Wenn der kleine Bruder die Ordnung stört: Netflix' Experimente mit dem linearen Fernsehen
Der Streaming-Riese testet Live-Kanäle, Gratis-Abos und hadert mit einbrechenden Zuschauerzahlen bei Fortsetzungen – ein Blick auf die Unruhe hinter dem Bildschirm.
In der makellosen Wohnung eines Immobilienmaklers namens Jack, gespielt von John Cena, herrscht die präzise Ordnung eines durchgeplanten Lebens. Dann platzt Liam herein, der lange vergessene kleine Bruder, verkörpert von Eric Andre – chaotisch, unberechenbar, eine Naturgewalt. Diese Szene aus dem Netflix-Film „Little Brother“, der dieser Tage in den deutschen Top-10-Charts steht, wirkt wie ein Sinnbild für den Zustand des Streaming-Dienstes selbst. Die perfekt kontrollierte Welt des Algorithmus wird von unerwarteten Kräften durchgerüttelt.
Aus amerikanischen Führungsetagen dringen Berichte über strategische Kehrtwenden. Wie das Wall Street Journal meldet, diskutierten Top-Manager auf einer Klausurtagung die Einführung linearer Fernsehkanäle – ein kontinuierliches Live-Programm, sortiert nach Genres. Zudem erwägt Netflix, Drittanbieter wie Peacock in die eigene App zu integrieren und Abonnements über die Hauptseite zu verkaufen. Der Hintergrund: Die Aktie hat binnen eines Jahres über 40 Prozent an Wert verloren, der Anteil an der Fernsehzuschauerzeit in den USA sank im April auf 7,8 Prozent. Konkurrenten wie Disney+, HBO Max und werbefinanzierte Dienste wie Tubi setzen den Pionier unter Druck.
Italienische Medienbeobachter verweisen auf ein tiefer liegendes Problem. Die meisten Netflix-Serien erleben nach der ersten Staffel einen dramatischen Zuschauerschwund. „One Piece“ verlor 30 Prozent, „Beef“ 58 Prozent, „The Four Seasons“ 63 Prozent, und „Come uccidono le brave ragazze“ gar 80 Prozent. Während Serien auf Disney+ oder HBO Max oft von Staffel zu Staffel wachsen, bleibt Netflix hinter dieser Branchennorm zurück. Ted Sarandos, Co-CEO des Unternehmens, bezeichnete dies öffentlich als nicht bedeutsam. Doch intern mehren sich die Reaktionen: Reality-Formate, Talkshows, Live-Sport und sogar Podcasts ergänzen zunehmend das Angebot. Selbst das Markenzeichen, die gleichzeitige Veröffentlichung aller Folgen einer Staffel, steht zur Disposition.
In Brasilien testet Netflix derzeit eine weitere Taktik: kostenlose Probeabos. Nach sechs Jahren Pause erhalten ausgewählte Nutzer sieben, vierzehn oder dreißig Tage freien Zugang, um neue Abonnenten zu gewinnen. Weltweit zählt der Dienst über 325 Millionen zahlende Haushalte, doch das Wachstum verlangsamt sich. Bereits 2022 führte das Unternehmen ein werbefinanziertes Abo-Modell ein, und Live-Übertragungen von WWE-Events sowie NFL-Spielen sollen neue Zielgruppen erschließen. In Deutschland, wo Netflix mit starken öffentlich-rechtlichen Mediatheken konkurriert, zeigen die wöchentlichen Charts eine Vorliebe für actiongeladene Unterhaltung und koreanische Agententhriller wie „Agent Kim Reactivated“.
Am Ende bleibt das Bild eines Zuschauers, der durch die endlosen Kacheln der Benutzeroberfläche scrollt, auf der Suche nach dem nächsten Klick. Die einstige Revolution des „Binge-Watching“ weicht einer neuen Unübersichtlichkeit, in der das lineare Fernsehen als vertraute Orientierung zurückkehren könnte. Der kleine Bruder hat die Ordnung gestört – und vielleicht ist genau das die Rettung.
| Russische & GUS-Presse | −0.30 | critical |
|---|---|---|
| Atlantische / angloamerikanische Presse | +0.10 | neutral |
| Kontinentaleuropäische Presse | −0.20 | neutral |
| Chinesische Presse | 0.00 | neutral |
Netflix steckt in Schwierigkeiten und sucht einen Ausweg im traditionellen TV-Modell.
Die Erzählung betont negative Daten (Aktienrückgang, Engagement-Rückgang), um den Schritt als notwendig darzustellen und ein Gefühl der Dringlichkeit zu erzeugen.
Sie erwähnt nicht die Möglichkeit des Bundlings mit anderen Streaming-Diensten, was eine alternative Strategie bieten könnte.
Netflix passt sich mit innovativen Schritten dem Markt an.
Die Erzählung normalisiert den Wandel als Teil der Branchenentwicklung und vermeidet es, Schwierigkeiten zu betonen.
Sie lässt das Ausmaß des Aktienrückgangs (40%) und des Engagement-Verlusts aus, was die Schritte als reaktiv erscheinen lassen könnte.
Netflix kann sein Publikum nach der ersten Staffel nicht halten.
Die Erzählung verallgemeinert ein Bindungsproblem auf alle Serien und nutzt Daten, um eine Erzählung des unvermeidlichen Niedergangs zu schaffen.
Sie erwähnt nicht die Live-Kanal- oder Bundling-Initiativen, die das Problem lösen könnten.
Netflix erkundet neue Strategien, um dem Rückgang der Nutzerbindung entgegenzuwirken.
Die Erzählung beschränkt sich darauf, Fakten ohne Wertung zu berichten, was den Quellen Glaubwürdigkeit verleiht.
Sie erwähnt nicht die kostenlosen Testversuche in einigen Ländern, eine weitere Strategie zur Nutzergewinnung.
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