
Museen im Wandel: Vom Archivfund zum Dialog mit indigenen Gemeinschaften
Die Identifizierung eines jahrzehntelang übersehenen Dinosaurierfossils aus der Antarktis steht exemplarisch für einen globalen Umbruch in der musealen Praxis.
Ein Wirbelknochen, der 1985 auf der antarktischen James-Ross-Insel geborgen und seither in der Sammlung des British Antarctic Survey in Cambridge lagerte, ist als Schwanzwirbel eines Titanosauriers identifiziert worden. Es handelt sich um den ersten zweifelsfrei bestimmten Dinosaurierfund des Kontinents. Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift „Acta Palaeontologica Polonica“ publiziert. Der Geologe Mike Thomson, der das Fossil einst als Überrest eines großen Reptils eingeordnet hatte, erlebte die Neubewertung nicht mehr; er starb 2020. Der Fund belegt, dass selbst in lange erschlossenen Archiven mit systematischer Neusichtung grundlegende Erkenntnisse zu gewinnen sind – ein Prinzip, das derzeit in mehreren Häusern weltweit die kuratorische Arbeit prägt.
Zeitgleich vollzieht sich in Stockholm ein anderer, aber verwandter Perspektivwechsel. Das Etnografiska museet bereitet eine neue Dauerausstellung zur schwedischen Kolonialgeschichte vor und lud dazu drei Frauen des australischen Jirrbal-Volkes ein. Gemeinsam mit den Kuratoren sichteten sie Objekte, die der Zoologe Eric Mjöberg in den 1910er Jahren aus ihren heutigen Heimatgebieten nach Schweden verbracht hatte. Für die Jirrbal-Vertreterinnen ist die Begegnung mit den außergewöhnlich gut erhaltenen Rindenstoffen und Alltagsgegenständen zwiespältig: Sie dokumentieren ein handwerkliches Wissen, das weitgehend verloren ist, und zugleich die Umstände einer gewaltsamen Aneignung. Die Zusammenarbeit soll in die Ausstellung einfließen, die im Dezember eröffnet wird.
In Canberra wiederum zeigt das National Museum of Australia seit Juli die Schau „Antarctica“ mit über 200 Exponaten aus der National Antarctic Heritage Collection. Viele der Objekte – darunter ein 8,5 Tonnen schwerer Traktor, eine Expeditionsbaracke von 1955 und persönliche Tagebücher – sind erstmals öffentlich zu sehen. Die Kuratorin Laura Cook spricht von einer der bedeutendsten Antarktis-Sammlungen der Welt. Anders als in Stockholm steht hier nicht die kritische Aufarbeitung kolonialer Aneignung im Vordergrund, sondern die Vermittlung der menschlichen Leistung und der wissenschaftlichen Bedeutung der Polarforschung. Die Ausstellung läuft bis Oktober.
In Washington D.C. schließlich hat die National Geographic Society im Juni ihr „Museum of Exploration“ eröffnet. Auf 100.000 Quadratfuß setzt das Haus auf immersive Inszenierungen: Besucher sollen etwa die Erfahrung einer Mount-Everest-Expedition oder eines Tauchgangs im Ozean nachvollziehen können. Anders als die archivgestützte Neubewertung in Stockholm oder die objektzentrierte Schau in Canberra zielt dieses Konzept auf unmittelbare Teilhabe und die Inspiration künftiger Entdecker. Die unterschiedlichen Ansätze zeigen, wie Museen gegenwärtig ihre Rolle neu justieren – zwischen kritischer historischer Reflexion, wissenschaftlicher Dokumentation und erlebnisorientierter Bildung. Der nächste konkrete Schritt ist die Eröffnung der Stockholmer Kolonialismus-Ausstellung im Dezember, die zeigen wird, wie die Ko-Kuration mit Herkunftsgesellschaften in die museale Praxis übersetzt wird.
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