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Medien & UnterhaltungSamstag, 4. Juli 2026

Murakamis Mitternachtsleser und die Erschöpfung der Algorithmen

Während in Tokio die Schlangen für Haruki Murakamis neues Buch wuchsen, ringen Unternehmen und Programmierer weltweit mit dem Tempo der künstlichen Intelligenz.

In der Nacht zum Freitag standen sie wieder, die Leser, vor den Buchhandlungen Tokios. Haruki Murakamis neuer Roman „Die Geschichte von Kaho“ kam um Mitternacht in den Verkauf, und wie stets bei dem japanischen Autor bildeten sich Schlangen. Es ist sein erstes Buch mit einer Frau als Protagonistin, geschrieben, wie er sagte, mit „anderen Augen“. In einem Interview mit der Agentur Kyodo grenzte Murakami sein Schaffen scharf von der künstlichen Intelligenz ab: „Die KI zieht Analogien aus dem, was bereits geschehen ist. Meine Prozesse sind völlig anders.“ Figuren erschienen ihm plötzlich, nicht aus Mustern. „Wahrscheinlich kann die KI das nicht.“ Ein Satz, der in diesen Tagen weit über die Literatur hinaus hallt.

Denn während Murakami auf die sprunghafte Eingebung pocht, erlebt die Unternehmenswelt eine gegenteilige Dynamik. Der argentinische Organisationsberater Gabriel Pereyra wurde kürzlich in eine Firma gerufen, die sich in einer rasenden Transformation befand – angetrieben von der Verheißung der KI. Doch die Geschwindigkeit der Technik überholte die Anpassungsfähigkeit der Menschen. Besprechungen, die niemand koordinieren konnte, Entscheidungen ohne Verantwortliche, Teams, die in verschiedene Richtungen liefen. „Agitarse no es moverse“, sagte Pereyra: Sich aufzuregen ist nicht sich zu bewegen. Studien von McKinsey und BCG belegen, dass zwar 88 Prozent der Unternehmen KI nutzen, aber nur ein Drittel sie über Pilotprojekte hinaus skalieren kann. Gartner fand, dass 73 Prozent der von Wandel betroffenen Beschäftigten unter moderater bis hoher Erschöpfung leiden. Die Technik eilt voraus, der Mensch stolpert hinterher.

Dass es anders geht, zeigen Visionen, die nicht allein auf Algorithmen setzen. In Afrika, so argumentiert eine Analyse aus Nigeria, hänge die wirtschaftliche Zukunft des Kontinents nicht nur von Rohstoffen ab, sondern von der Fähigkeit, junge Menschen mit Bildung, digitaler Infrastruktur und unternehmerischen Freiräumen auszustatten. Die afrikanische Freihandelszone könne nur dann wirken, wenn sie von politischem Willen und Investitionen in Köpfe begleitet werde. Ähnlich in Argentinien: Das Land verfügt über eines der modernsten Agrarsysteme der Welt, das längst mit Sensoren, Biotechnologie und prädiktiven Modellen arbeitet. Doch die öffentliche Debatte, so die Zeitung Clarín, verharre in Vorurteilen des vergangenen Jahrhunderts. Die Bioökonomie, die aus Biomasse Kunststoffe und Energie gewinnt, brauche eine neue Erzählung – eine, die den Menschen und sein Wissen ins Zentrum rückt, nicht nur die Maschine.

Auch die Programmierer erleben diesen Wandel. Werkzeuge wie GitHub Copilot oder Gemini Code Assist schreiben ganze Funktionen, doch die Rolle des Entwicklers verschiebt sich vom Code-Schreiber zum kritischen Prüfer. „Programmieren bedeutet nicht mehr nur, eine Sprache zu beherrschen, sondern Architektur zu denken und komplexe Probleme zu lösen“, heißt es aus Brasilien. Die KI übernimmt das Mechanische, der Mensch die strategische Entscheidung. Vor diesem Hintergrund gewinnt eine alte Einsicht neue Schärfe. In den Grundrissen notierte Karl Marx, die Maschinen seien „Organe des menschlichen Hirns, geschaffen von menschlicher Hand; vergegenständlichte Wissenskraft“. Das „general intellect“, das gesellschaftliche Wissen, werde zur unmittelbaren Produktivkraft. Die Frage, die sich heute stellt, ist nicht, ob Maschinen denken können, sondern wessen Wissen sie verkörpern und wer es kontrolliert.

In Tokio blätterten die ersten Leser noch in der Nacht die Seiten von „Kaho“ auf. Vielleicht suchten sie genau jenes Unvorhersehbare, das Murakami meint – jenen Funken, der keiner Analogie folgt. Während anderswo Algorithmen Codezeilen und Geschäftspläne generieren, harrt eine Schlange von Menschen aus, um eine Geschichte zu lesen, die nur ein Mensch erzählen konnte. Ein Bild, das bleibt: die stille Beharrlichkeit der Leser vor den erleuchteten Schaufenstern, als leises Gegengewicht zu einer Welt, die sich im Takt der Rechenzentren dreht.

Wie dieselbe Geschichte anderswo erzählt wird.

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Der lateinamerikanische Block berichtet nicht über die Geschichte der Nachtwarteschlangen für Murakami und die Angst vor dem Algorithmus. Seine Artikel konzentrieren sich auf Sport, Politik, Wirtschaft und Unterhaltung, ohne Bezug zum Thema.

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Der subsaharische afrikanische Block berichtet nicht über die Geschichte der Nachtwarteschlangen für Murakami und die Angst vor dem Algorithmus. Seine Artikel konzentrieren sich auf Sport, Sicherheit und Regierungsführung, ohne Bezug zum Thema.

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Murakamis Mitternachtsleser und die Erschöpfung der Algorithmen

Während in Tokio die Schlangen für Haruki Murakamis neues Buch wuchsen, ringen Unternehmen und Programmierer weltweit mit dem Tempo der künstlichen Intelligenz.

In der Nacht zum Freitag standen sie wieder, die Leser, vor den Buchhandlungen Tokios. Haruki Murakamis neuer Roman „Die Geschichte von Kaho“ kam um Mitternacht in den Verkauf, und wie stets bei dem japanischen Autor bildeten sich Schlangen. Es ist sein erstes Buch mit einer Frau als Protagonistin, geschrieben, wie er sagte, mit „anderen Augen“. In einem Interview mit der Agentur Kyodo grenzte Murakami sein Schaffen scharf von der künstlichen Intelligenz ab: „Die KI zieht Analogien aus dem, was bereits geschehen ist. Meine Prozesse sind völlig anders.“ Figuren erschienen ihm plötzlich, nicht aus Mustern. „Wahrscheinlich kann die KI das nicht.“ Ein Satz, der in diesen Tagen weit über die Literatur hinaus hallt.

Denn während Murakami auf die sprunghafte Eingebung pocht, erlebt die Unternehmenswelt eine gegenteilige Dynamik. Der argentinische Organisationsberater Gabriel Pereyra wurde kürzlich in eine Firma gerufen, die sich in einer rasenden Transformation befand – angetrieben von der Verheißung der KI. Doch die Geschwindigkeit der Technik überholte die Anpassungsfähigkeit der Menschen. Besprechungen, die niemand koordinieren konnte, Entscheidungen ohne Verantwortliche, Teams, die in verschiedene Richtungen liefen. „Agitarse no es moverse“, sagte Pereyra: Sich aufzuregen ist nicht sich zu bewegen. Studien von McKinsey und BCG belegen, dass zwar 88 Prozent der Unternehmen KI nutzen, aber nur ein Drittel sie über Pilotprojekte hinaus skalieren kann. Gartner fand, dass 73 Prozent der von Wandel betroffenen Beschäftigten unter moderater bis hoher Erschöpfung leiden. Die Technik eilt voraus, der Mensch stolpert hinterher.

Dass es anders geht, zeigen Visionen, die nicht allein auf Algorithmen setzen. In Afrika, so argumentiert eine Analyse aus Nigeria, hänge die wirtschaftliche Zukunft des Kontinents nicht nur von Rohstoffen ab, sondern von der Fähigkeit, junge Menschen mit Bildung, digitaler Infrastruktur und unternehmerischen Freiräumen auszustatten. Die afrikanische Freihandelszone könne nur dann wirken, wenn sie von politischem Willen und Investitionen in Köpfe begleitet werde. Ähnlich in Argentinien: Das Land verfügt über eines der modernsten Agrarsysteme der Welt, das längst mit Sensoren, Biotechnologie und prädiktiven Modellen arbeitet. Doch die öffentliche Debatte, so die Zeitung Clarín, verharre in Vorurteilen des vergangenen Jahrhunderts. Die Bioökonomie, die aus Biomasse Kunststoffe und Energie gewinnt, brauche eine neue Erzählung – eine, die den Menschen und sein Wissen ins Zentrum rückt, nicht nur die Maschine.

Auch die Programmierer erleben diesen Wandel. Werkzeuge wie GitHub Copilot oder Gemini Code Assist schreiben ganze Funktionen, doch die Rolle des Entwicklers verschiebt sich vom Code-Schreiber zum kritischen Prüfer. „Programmieren bedeutet nicht mehr nur, eine Sprache zu beherrschen, sondern Architektur zu denken und komplexe Probleme zu lösen“, heißt es aus Brasilien. Die KI übernimmt das Mechanische, der Mensch die strategische Entscheidung. Vor diesem Hintergrund gewinnt eine alte Einsicht neue Schärfe. In den Grundrissen notierte Karl Marx, die Maschinen seien „Organe des menschlichen Hirns, geschaffen von menschlicher Hand; vergegenständlichte Wissenskraft“. Das „general intellect“, das gesellschaftliche Wissen, werde zur unmittelbaren Produktivkraft. Die Frage, die sich heute stellt, ist nicht, ob Maschinen denken können, sondern wessen Wissen sie verkörpern und wer es kontrolliert.

In Tokio blätterten die ersten Leser noch in der Nacht die Seiten von „Kaho“ auf. Vielleicht suchten sie genau jenes Unvorhersehbare, das Murakami meint – jenen Funken, der keiner Analogie folgt. Während anderswo Algorithmen Codezeilen und Geschäftspläne generieren, harrt eine Schlange von Menschen aus, um eine Geschichte zu lesen, die nur ein Mensch erzählen konnte. Ein Bild, das bleibt: die stille Beharrlichkeit der Leser vor den erleuchteten Schaufenstern, als leises Gegengewicht zu einer Welt, die sich im Takt der Rechenzentren dreht.

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