
USA: Masernerkrankungen erreichen höchsten Stand seit 35 Jahren
Bereits nach sieben Monaten übersteigt die Fallzahl 2026 den Vorjahresrekord; Impfmüdigkeit und institutionelle Versäumnisse gefährden den Eliminationsstatus.
Die Vereinigten Staaten haben im Jahr 2026 mit 2.318 bestätigten Masernfällen den höchsten Stand seit 1991 erreicht – und das bereits nach sieben Monaten. Damit wurde der bisherige Rekord aus dem Jahr 2025 (2.289 Fälle) übertroffen. Das Virus, das im Jahr 2000 durch flächendeckende Impfprogramme für eliminiert erklärt worden war, breitet sich damit zum zweiten Mal in Folge auf einem Niveau aus, das an die Zeit vor der Einführung der Masernimpfung erinnert. Vor 1963 starben jährlich Hunderte Kinder in den USA an der Krankheit; global fordert sie weiterhin Zehntausende Todesopfer.
Hinter dem Wiederaufleben steht ein jahrzehntelanger Rückgang der Impfquoten, der sich während der Covid-19-Pandemie beschleunigt hat. Die Durchimpfungsrate unter Kindergartenkindern sank landesweit von 95,2 Prozent (2019/20) auf 92,5 Prozent (2024/25) und liegt damit unter der für eine Herdenimmunität nötigen Schwelle von etwa 95 Prozent. In manchen Gemeinden, etwa in osteuropäischen Einwanderermilieus in South Carolina, fiel die Quote auf 20 Prozent. Da Masern zu den ansteckendsten Erregern zählen – neun von zehn ungeschützten Kontaktpersonen infizieren sich –, genügen geringe Impflücken, um größere Ausbrüche auszulösen. Hinzu kommt eine erhebliche Dunkelziffer: Nach Modellrechnungen aus Utah könnte ein Ausbruch entlang der Grenze zu Arizona drei- bis viermal so viele Fälle umfassen wie offiziell gemeldet.
Betroffen sind vor allem Kinder und Jugendliche; 93 Prozent der Erkrankten waren ungeimpft oder hatten einen unbekannten Impfstatus. Im Jahr 2025 starben zwei ungeimpfte Schulkinder in Texas – die ersten kindlichen Maserntoten in den USA seit 2003. Aus Washingtoner Sicht wird Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. vorgeworfen, durch seine langjährige Impfskepsis und die Förderung unbelegter Behandlungen wie Lebertran das Vertrauen in die Gesundheitsbehörden weiter zu untergraben. Unter seiner Leitung wurden Tausende CDC-Mitarbeiter entlassen, Impfempfehlungen zurückgenommen und das Impfberatungsgremium neu besetzt. Andrew Racine, Präsident der American Academy of Pediatrics, spricht von einer „vermeidbaren Krise, die unverhältnismäßig Kinder trifft“.
Im November wird die Panamerikanische Gesundheitsorganisation (PAHO) auf Basis eines CDC-Berichts darüber entscheiden, ob die USA ihren Eliminationsstatus verlieren – also eine durchgehende Übertragungskette von mehr als zwölf Monaten vorliegt. Der Ausbruch in Utah, der seit Juni 2025 andauert, erfüllt dieses Kriterium bereits. Kanada verlor den Status 2025; Mexiko zählt laut WHO zu den zehn Ländern mit den größten Masernausbrüchen weltweit. Für den deutschsprachigen Raum sind die Entwicklungen ein Warnsignal: In Deutschland, Österreich und der Schweiz liegen die Impfquoten regional ebenfalls unter der 95-Prozent-Marke. Internationale Reisebewegungen erhöhen das Risiko einer Einschleppung in Gemeinden mit unzureichendem Impfschutz.
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