
Krankmeldung ab erstem Tag: Merz’ Vorstoß entfacht europäische Debatte und innenpolitischen Widerstand
Während der Kanzler mit einer strengeren Krankschreibung die Produktivität steigern will, verweisen Kritiker auf Langzeiterkrankungen als eigentlichen Kostentreiber und warnen vor einem Vertrauensverlust in der arbeitenden Bevölkerung.
Bundeskanzler Friedrich Merz hat mit seinem Vorstoß, die telefonische Krankschreibung abzuschaffen und ein ärztliches Attest künftig bereits ab dem ersten Krankheitstag zu verlangen, eine Debatte ausgelöst, die weit über Deutschland hinausreicht. Die schwarz-rote Koalition begründet die geplante Verschärfung mit dem Ziel, den Krankenstand zu senken und Wettbewerbsnachteile durch lange Fehlzeiten zu verringern. Aus Sicht der Bundesregierung soll die persönliche Vorstellung beim Arzt Missbrauch eindämmen und die Rückkehr an den Arbeitsplatz beschleunigen. Gewerkschaften, Ärzteverbände und selbst Teile der CDU warnen hingegen vor einer überlasteten medizinischen Infrastruktur und einem Generalverdacht gegenüber Beschäftigten. Der Vorsitzende des CDU-Arbeitnehmerflügels, Dennis Radtke, äußerte die Befürchtung, dass Arbeitnehmer, die heute einen Tag fehlen, künftig gleich mehrere Tage krankgeschrieben werden könnten.
Die deutsche Diskussion reiht sich in eine gesamteuropäische Auseinandersetzung über die Kosten von Krankentagen ein. In Norwegen, wo die durchschnittliche krankheitsbedingte Abwesenheit mit 5,7 Wochen pro Jahr die höchste unter den OECD-Ländern ist, hat die Regierung in Oslo im April ein Modell der „abgestuften Krankschreibung“ eingeführt. Ärzte müssen seither konkret begründen, wenn ein Arbeitnehmer gar nicht arbeiten kann, und erhalten ein geringeres Honorar für vollständige Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen. In Schweden wiederum planen die regierenden Sozialdemokraten gemeinsam mit den Grünen und der Linkspartei, den Karenztag abzuschaffen, was aus Sicht schwedischer Wirtschaftsverbände die Fehlzeiten nach historischem Vorbild drastisch erhöhen würde. Belgien hält bereits seit längerem an der Pflicht zum Attest ab dem ersten Tag fest, was dortigen Kritikern zufolge die Arztpraxen mit unnötigen Konsultationen belastet.
Innerhalb der deutschen Regierungskoalition stößt der Vorstoß von Merz auf offenen Widerspruch. Arbeitsministerin Bärbel Bas von der SPD distanzierte sich öffentlich von der Maßnahme und erklärte, sie sei nicht ihr Vorschlag gewesen. Eine Studie des Dachverbands der Betriebskrankenkassen (BKK) untermauert die Skepsis: Demnach sind es nicht die kurzen Atemwegserkrankungen, sondern langwierige Muskel-Skelett- und psychische Leiden, die mit 21,6 Milliarden Euro jährlich den größten Kostenblock beim Krankengeld verursachen. Die Zahl der Krankengeldtage stieg binnen eines Jahrzehnts um fast ein Viertel, während der allgemeine Krankenstand stabil blieb. Aus Sicht der Kassen würde eine Verschärfung der Kurzzeitregeln das eigentliche Problem nicht adressieren.
Die innenpolitische Auseinandersetzung um die Krankschreibung fällt in eine Phase, in der die Regierung Merz mit wachsender Unzufriedenheit und dem Aufstieg der AfD konfrontiert ist. Die Partei, die auf ihrem Bundesparteitag in Erfurt Alice Weidel und Tino Chrupalla im Amt bestätigte, liegt in Umfragen bei rund 30 Prozent und könnte bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern im September erstmals die Regierungsführung in einem Bundesland übernehmen. Während die Koalition versucht, mit wirtschaftspolitischen Signalen Vertrauen zurückzugewinnen, warnen Beobachter in Rom und Stockholm, dass ein als ungerecht empfundenes Vorgehen gegen kranke Arbeitnehmer den gesellschaftlichen Zusammenhalt weiter schwächen und extremen Kräften zusätzlichen Auftrieb geben könnte. Das Gesetzgebungsverfahren zur Krankschreibung steht noch am Anfang; die CSU-Landesgruppe hat bereits Flexibilität und Praxistauglichkeit angemahnt.
| Atlantische / angloamerikanische Presse | −0.20 | neutral |
|---|---|---|
| Kontinentaleuropäische Presse | −0.60 | critical |
Germany fights absenteeism with drastic measures, but tax cuts are insufficient to revive the economy.
Uses war-like language to create urgency and justify reforms, while downplaying social criticisms.
They omit the rise of the AfD and social criticisms of the reform, focusing only on the economic aspect.
Merz's reform is a political failure that fuels the far right, while real structural problems are ignored.
Links the health reform to the crisis of trust and the rise of the AfD, turning a technical issue into a symptom of democratic decay.
They do not discuss the potential economic benefits of the reform nor the absenteeism data that justify it.
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