
Superman in Mumbai: Indiens Jugend probt den Aufstand gegen Prüfungslecks
Mit Kostümen, Memes und einer Bluetooth-App fordern Hunderttausende den Rücktritt des indischen Bildungsministers – und setzen die Staatsmacht unter Druck.
Der Morgen des Protests in Mumbai. Der 21-jährige Neerav streift ein selbstgenähtes Superman-Kostüm über. Für ihn ist es nicht Verkleidung, sondern Rüstung: „Ich hatte Angst, aber das Kostüm gab mir Mut“, sagte er der Australian Broadcasting Corporation. Er wurde zum Symbol einer Bewegung, die mit Fantasie und Humor auf die Straße geht. In den Tagen zuvor hatte die Polizei in Delhi Tränengas und Schlagstöcke gegen Zehntausende eingesetzt, die zum Parlament marschieren wollten. Neeravs Auftritt zeigt, wie ernst der Spaß der sogenannten „unernstesten Generation“ Indiens gemeint ist.
Der Auslöser: die wiederholten Leaks der landesweiten Medizinaufnahmeprüfung NEET. Im Mai 2026 mussten zwei Millionen Kandidaten erneut antreten; Berichten zufolge nahmen sich rund 20 Schüler das Leben. Aus einer Satire-Initiative im Internet formierte sich die „Cockroach Janta Party“ (CJP), benannt nach einer Äußerung des obersten Richters, der Jugendliche mit Kakerlaken verglich. Gründer Abhijeet Dipke verwandelte den Witz in eine politische Kraft. Als der prominente Umweltaktivist Sonam Wangchuk in einen 26-tägigen Hungerstreik trat und zwangsweise ins Krankenhaus gebracht wurde, schlugen die digitalen Flammen in reale Proteste um. Am 20. Juli versuchten Zehntausende, zum Parlament zu ziehen; die Bilder von Schlagstockangriffen und Tränengas gingen viral und mobilisierten das ganze Land.
Die jungen Demonstranten verlegen ihre Kommunikation ins Offline-Zeitalter. Nachdem die Regierung mehrmals mobiles Internet rund um das Protestgelände am Jantar Mantar abschaltete, wechselten viele auf Bitchat, eine Bluetooth-basierte Mesh-App des Twitter-Gründers Jack Dorsey, die ohne Mobilfunk auskommt. „Sie denken, wir sind dumm, aber wir sind ziemlich clever“, sagte der 21-jährige Kumar Shalabh der Nachrichtenagentur AFP. Die Ironie und Kreativität dieser Generation zeigt sich auch in viralen Videos: junge Frauen, die während der Demo „Outfit-Checks“ filmen, oder Schüler, die Polizisten Rosen überreichen – Sekunden bevor sie mit Schlagstöcken vertrieben werden.
Die Regierung unter Premierminister Modi reagiert mit einer Doppelstrategie. Einerseits entließ die National Testing Agency 47 Mitarbeiter, das Kabinett verschärfte die Strafen für Prüfungslecks auf bis zu zehn Jahre Haft und zehn Millionen Rupien Geldstrafe. Modi selbst wandte sich per Selfie-Video auf Instagram an die Jugend und gewann binnen einer Nacht eine Million neue Follower. Andererseits blieb der Druck auf die Straße: Achtzehn U-Bahn-Stationen in Delhi wurden geschlossen, Alkoholläden mussten vorzeitig schließen, und die Regierung forderte GitHub auf, den Bitchat-Code zu sperren – eine Maßnahme, die Bürgerrechtler als Zensur kritisierten.
Doch die Bewegung, die längst über Studierende hinauswuchs und auch Unzufriedenheit mit Arbeitslosigkeit und Regierungsstil bündelt, hält an ihrem Kern fest: den Rücktritt von Bildungsminister Dharmendra Pradhan. In Verhandlungen mit Minister J.P. Nadda erklärte die CJP diese Forderung für nicht verhandelbar. Einstweilen bilden Freiwillige Menschenketten, um die Menge von der Polizei zu trennen, während auf dem Gelände Wasserflaschen verteilt werden – die 25-jährige Afroza aus Mehrauli hat nie eine Schule besucht, aber sie bringt jeden Tag ihre eigenen Flaschen mit. Es sind solche Gesten, die die Bewegung über das Politische hinausheben und den Kern einer generationellen Erfahrung freilegen: den Wunsch nach einem System, das Vertrauen verdient.
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