
Jubel in den Fluren des Mucem: Wenn Institutionen ihre Schützlinge fallen lassen
In Marseille, Madrid und Mato Grosso werden Führungspersonen nach Vorwürfen sexueller Belästigung suspendiert – ein Blick auf die kulturellen Bruchlinien.
Durch die Gänge des Musée des civilisations de l’Europe et de la Méditerranée in Marseille hallte am Dienstag ein ungewohnter Klang: Freudenbekundungen von Angestellten, die sich in den oberen Stockwerken versammelt hatten. Das Ministerium für Kultur hatte soeben mitgeteilt, dass der Präsident des Hauses, Pierre-Olivier Costa, mit sofortiger Wirkung für vier Monate von seinen Aufgaben suspendiert werde. Costa, ein enger Vertrauter des Präsidentenpaares Macron, war seit 2022 im Amt und trotz mehrfacher Warnungen der Belegschaft erst im November 2025 wiederernannt worden. Nun holten ihn eine strafrechtliche Untersuchung wegen sexueller und moralischer Belästigung, eine Verwaltungsermittlung sowie gewerkschaftliche Proteste ein. Die Erleichterung im Museum war so greifbar, dass die Gewerkschaft CGT von einem „realen Aufatmen“ sprach und die Ernennung der Interimsleiterin Anne-Marie Le Guével ausdrücklich begrüßte.
Wenige Tage zuvor, am 26. Juni, hatte die Generalstaatsanwaltschaft von Mato Grosso in Brasilien den Sonderberater Bruno Proença entlassen. Proença gehörte zum Stab des ehemaligen Ersten Untergeneralstaatsanwalts Rogério Borges Freitas, gegen den zwei Mitarbeiterinnen Vorwürfe sexueller und moralischer Belästigung erhoben hatten. Eine der Frauen schilderte, Borges habe versucht, sie in einem Auto gewaltsam zu küssen, und über Jahre hinweg unangemessene Bemerkungen gemacht. Die andere berichtete von sexueller Nötigung, Demütigungen und einem fast zehnjährigen Leidensweg. Ein Tonmitschnitt einer internen Sitzung aus dem März dieses Jahres dokumentiert, wie Borges der Betroffenen einen „facciösen Geist“ und „rebellisches Verhalten“ vorwarf. Die Behörde betonte, die Untersuchungen der Generalinspektion liefen weiter, und verwies auf ihre 2023 eingerichtete Kommission zur Prävention und Bekämpfung von Belästigung.
In Madrid wiederum hat die Universidad Complutense den Politikwissenschaftler und Podemos-Mitbegründer Juan Carlos Monedero für ein Jahr vom Lehrbetrieb suspendiert. Auslöser war die Klage einer Studentin wegen sexueller Belästigung, die im Januar 2025 eingereicht worden war. Die Staatsanwaltschaft stellte das Strafverfahren zwar ein, weil sie keinen Straftatbestand erkannte, nannte Monederos Verhalten jedoch „unangemessen“ und „moralisch verwerflich“. Die Universität setzte die interne Untersuchung fort und verhängte schließlich die Disziplinarstrafe, von der sechs Monate bereits als vorläufige Suspendierung verbüßt sind. Weitere ehemalige Studentinnen berichteten anonym von verbalen Übergriffen – Monedero habe sie „Huren“ und „Milchkühe“ genannt – sowie von unerwünschten Berührungen während des Unterrichts. Podemos hatte nach eigenen Angaben bereits 2023 Kenntnis von Vorwürfen, enthob Monedero zwar eines Parteiamtes, ließ ihn aber weiterhin an Strategiedebatten teilnehmen.
Die drei Fälle, so unterschiedlich die institutionellen Kontexte auch sind, verbindet eine gemeinsame Signatur: Männer in herausgehobenen Positionen, deren politische Nähe oder ideologisches Prestige lange als Schutzschild wirkten, sehen sich nun mit dem organisierten Widerspruch jener konfrontiert, die ihre Macht täglich erfuhren. In Marseille feierte die Belegschaft die Suspendierung als kollektiven Erfolg; in Madrid pochte die Universität unter Verweis auf den Datenschutz auf Diskretion, während die Partei die Vorwürfe intern zu halten suchte; in Cuiabá dokumentiert eine Tonaufnahme die Sprache eines Vorgesetzten, der die Klage einer Mitarbeiterin als Ausdruck von „Rebellion“ abtat. Aus Sicht der Gewerkschaften und Personalvertretungen geht es nicht allein um individuelle Verfehlungen, sondern um die Frage, wie lange Institutionen bereit sind, Hinweise auf „toxisches Management“ und Machtmissbrauch zu ignorieren.
Was bleibt, sind die Artefakte eines institutionellen Umbruchs: die Aufnahme jener Sitzung in Brasilien, in der eine Stimme Gehorsam einfordert und stattdessen ein Dokument des Widerstands hinterlässt; die leeren Gänge des Mucem, in denen am 1. Juli eine neue Interimsleiterin die Amtsgeschäfte übernimmt; und die Seminarräume der Complutense, in denen ein Professor nach einem halben Jahr Zwangspause wieder vor seine Studentinnen treten wird – mit einer Akte, die das Wort „unangemessen“ trägt, aber keinen Strafbefehl.
Wie dieselbe Geschichte anderswo erzählt wird.
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In Frankreich wurde der Präsident des Mucem nach monatelangen Gewerkschaftsbeschwerden und strafrechtlichen Ermittlungen wegen sexueller und moralischer Belästigung suspendiert. In Spanien suspendierte die Universität Complutense den Professor und Podemos-Mitbegründer Juan Carlos Monedero für ein Jahr, nachdem eine Studentin ihn beschuldigt hatte. Europäische Kultur- und Bildungseinrichtungen reagieren mit disziplinarischen Maßnahmen, wenn auch verspätet, auf Skandale um machtnahe Persönlichkeiten.
Die Suspendierung von Juan Carlos Monedero wegen sexueller Belästigung in Madrid hallt in Lateinamerika stark nach, wo der Podemos-Mitbegründer als Berater des Chavismus und geladener Diskussionsteilnehmer der Regierung von Gustavo Petro gefeiert wurde. Der Fall entlarvt die Heuchelei einer linken Persönlichkeit, die soziale Gerechtigkeit predigte, während sie wegen Missbrauchs einer Studentin bestraft wird. Die Nachricht befeuert die Debatte über Belästigung in progressiven Kreisen und das mitschuldige Schweigen seiner politischen Verbündeten.
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