
Israels Regierung erkennt Völkermord an Armeniern an – Knesset-Beschluss steht aus
Das israelische Kabinett hat am Sonntag einstimmig die diplomatische Anerkennung der Massaker an den Armeniern im Osmanischen Reich als Genozid beschlossen und damit eine jahrzehntelange Zurückhaltung aufgegeben.
Das israelische Regierungskabinett hat einem von Außenminister Gideon Saar vorgelegten Antrag zugestimmt, die Verfolgung und Ermordung der Armenier während des Ersten Weltkriegs offiziell als Völkermord einzustufen. Mit der einstimmigen Entscheidung vom Sonntag schließt sich Jerusalem nach Zählung des Außenministeriums 32 Staaten an, die diesen Schritt bereits vollzogen haben. Allerdings bedarf der Beschluss noch der Bestätigung durch das Parlament (Knesset), womit erst dann eine rechtsverbindliche Positionierung des Staates Israel vorläge.
In der Begründung erklärte Minister Saar, es sei eine moralische und historische Pflicht des jüdischen Staates, die historische Wahrheit anzuerkennen und Versuche der Leugnung und Verharmlosung zurückzuweisen. Er verwies darauf, dass Premierminister Benjamin Netanjahu wie auch andere israelische Spitzenpolitiker die Ereignisse bereits in der Vergangenheit als Völkermord bezeichnet hätten – zuletzt Netanjahu im August 2025 in einem Podcast. Zugleich betonte Saar, der Schritt sei kein Vergeltungsakt für die zunehmende Feindseligkeit der Türkei unter Präsident Recep Tayyip Erdoğan. Gleichwohl ordneten israelische Medien die Entscheidung unmittelbar in die drastisch verschlechterten bilateralen Beziehungen ein.
Die Türkei, als Nachfolgestaat des Osmanischen Reiches, weist die Einstufung als Völkermord seit jeher zurück und spricht von kriegsbedingten Tragödien, bei denen auch Türken ums Leben gekommen seien. Aus Ankaraer Sicht handelt es sich um einen politisch motivierten Affront, der die nationale Ehre verletze. International haben unter anderem Deutschland, Frankreich, Russland, die USA sowie das Europäische Parlament die Taten als Genozid anerkannt. Beobachter in westlichen Hauptstädten verweisen allerdings darauf, dass Israel selbst vor internationalen Gerichten und durch UN-Expertengruppen mit dem Vorwurf konfrontiert ist, im Gazastreifen einen Völkermord an den Palästinensern zu begehen – Anschuldigungen, die Jerusalem als antisemitische Verleumdung zurückweist.
Für die lange israelische Zurückhaltung war vor allem die Sorge um das strategische Verhältnis zur Türkei ausschlaggebend, das sich jedoch seit dem Aufstieg Erdoğans und insbesondere nach dem Hamas-Angriff vom Oktober 2023 dramatisch abgekühlt hat. Nunmehr wird der Knesset die förmliche Verabschiedung der Resolution vorbereitet; mit einer zügigen Behandlung wird gerechnet. Unabhängig davon rechnen Diplomaten in Ankara und Jerusalem mit einer scharfen türkischen Reaktion, die die ohnehin fragile Beziehung weiter belasten dürfte.
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