
Gardel im Aufnahmestudio: Wie ein argentischer Regisseur den Minions seine Stimme lieh
Andy Muschietti, Schöpfer von „It“, spricht in der neuen Vorgeschichte der gelben Wesen einen Hollywood-Regisseur der 1920er Jahre – mit lunfardo-Akzent und einer Prise Tangokultur.
In einer schalldichten Kabine irgendwo in Los Angeles stand der Regisseur Andy Muschietti und versuchte, nicht wie er selbst zu klingen. Vor ihm liefen die Bilder eines schmächtigen, monokelbewehrten Filmemachers aus den Zwanzigerjahren, der im Original von Christoph Waltz gesprochen wurde. Muschietti, der mit beiden Teilen von „It“ zu einem der gefragtesten Genreregisseure Hollywoods aufstieg, hatte von Universal das Angebot erhalten, für die lateinamerikanische Synchronfassung von „Minions & Monsters“ ebenjenen Max zu vertonen. Er gab der Figur, wie er später dem „Clarín“ erzählte, einen „lokalen Anstrich“ – eine Stimme, die an Carlos Gardel erinnerte, an das gestelzte Pathos des frühen Tonfilms und an Pucho, den Gehilfen des Professors Neurus aus der argentinischen Zeichentrickserie „Hijitus“. So entstand ein cineastisches Palimpsest: Ein Regisseur des Horrorfachs leiht einem fiktiven Regisseur der Stummfilmära seine Stimme, die wiederum einer längst vergangenen Sprechkonvention des Río de la Plata nachempfunden ist.
Der Film, der an diesem Mittwoch weltweit in die Kinos kommt, verlegt die Handlung der Minions ins Hollywood der 1920er Jahre, 48 Jahre vor den Ereignissen des ersten „Minions“-Films. Die gelben, pillenförmigen Kreaturen geraten zufällig auf ein Filmset, werden zu Stummfilmstars und stürzen sich schließlich in ein Monsterabenteuer, das mit klassischen Hollywood-Zitaten gespickt ist. Regisseur Pierre Coffin, der den Minions seit ihrem Leinwanddebüt 2010 seine Stimme leiht, nannte das Werk im Gespräch mit Adnkronos eine „Liebeserklärung an das goldene Zeitalter Hollywoods“. Die Gags speisen sich aus der Körperkomik eines Buster Keaton, der surrealen Elastizität der Tex-Avery-Cartoons und den frühen Tricktechniken eines Georges Méliès. Zugleich verwebt der Film historische Versatzstücke: die Einwanderungswelle osteuropäischer Filmschaffender, das Frauenwahlrecht, die Prohibition. Coffin betont, es sei „keine Geschichtsstunde“, aber ein erzählerischer Raum, den die Reihe zuvor nie betreten habe.
„Minions & Monsters“ ist damit das jüngste Exponat einer Strategie, die in den Feuilletons längst als „Precuelitis“ firmiert. Die spanische Zeitung „El Día“ analysierte anlässlich der Amazon-Serie „Elle“ – einer Highschool-Vorgeschichte zu „Natürlich blond“ – den industriellen Reflex, lieber in die Vergangenheit bekannter Figuren zu flüchten, als neue Welten zu erfinden. Wo Fortsetzungen oft gezwungen seien, abgeschlossene Handlungsbögen künstlich zu verlängern, biete die Vorgeschichte „jungfräulichen Boden mit vertrauten Figuren“. HBO durchmisst mit „House of the Dragon“ und „Der Ritter der Sieben Königslande“ die Frühzeit von Westeros, Amazon taucht mit „Die Ringe der Macht“ in die Zweite Ära Mittelerdes ein, und Disney bedient das „Star Wars“-Universum mit Serien wie „Andor“ und „Obi-Wan Kenobi“. Die intellektuelle Eigentumsmarke, so der Tenor, sei wertvoller als jede Originalgeschichte – denn eine neue Geschichte könne scheitern, eine geliebte Figur kaum.
Für das Publikum entsteht daraus ein doppeltes Vergnügen: Kinder begegnen den Minions als zeitlosen Slapstick-Figuren, während Erwachsene die versteckten Referenzen entschlüsseln. Der Schauspieler Jesse Eisenberg, der im Original einen der Monstermeister spricht, berichtete CNN Brasil, sein Sohn habe über jeden kindlichen Gag gelacht, er selbst jedoch die Anspielungen auf alte Filme bewundert. In den lateinamerikanischen Kinosälen wiederum wird Muschiettis Gardel-Timbre eine zusätzliche, lokale Schicht über die Bilder legen – eine akustische Nostalgie, die mit der visuellen Nostalgie des Hollywood-Mythos korrespondiert. Dass die Synchronisation dabei nicht bloß Übersetzung, sondern Neuschöpfung ist, zeigt sich an der Freiheit, die dem Regisseur gewährt wurde: Er durfte den Charakter mit lunfardo-Wendungen und tanguero-Gestus aufladen, bis der Casting-Direktor befand, es sei „witzig“.
Am Ende steht das Bild einer Filmindustrie, die ihre eigene Vergangenheit als unerschöpflichen Steinbruch begreift. Die Minions, die im Stummfilm allein durch Rhythmus und Expressivität wirken, werden so zu unfreiwilligen Kommentatoren dieser Logik: Wesen, die keine Sprache brauchen, um global verstanden zu werden, und die doch in jeder Synchronfassung eine neue, lokale Identität annehmen. Wenn am Ende des Films ein oranges Schleimmonster namens Irene ganz Hollywood zu verschlingen droht, wirkt das fast wie eine ironische Pointe auf die Frage, ob die Gier nach dem Immergleichen nicht irgendwann ihre eigenen Schöpfer frisst.
Wie dieselbe Geschichte anderswo erzählt wird.
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Der neue Minions-Film zeigt den argentinischen Regisseur Andy Muschietti als Synchronsprecher, der seiner Figur einen Carlos-Gardel-Akzent verleiht. Dies wird als stolzer Moment für das argentinische Kino gefeiert und zeigt, wie lokales Talent eine globale Hollywood-Franchise einzigartig prägen kann. Das Prequel ist Teil einer Welle von Franchise-Erweiterungen, aber die argentinische Verbindung macht es berichtenswert.
In einem Interview äußerte Minions-Regisseur Pierre Coffin starke Skepsis gegenüber künstlicher Intelligenz und warnte, dass sie zwar als Zukunft beworben werde, aber alles zerstöre, was sie berühre. Er betonte den unersetzlichen Wert menschlicher Kreativität in der Animation und präsentierte den neuen Film als Hommage an das klassische Hollywood. Die Äußerungen fallen in eine Zeit, in der die Branche zunehmend KI-Tools einsetzt.
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