
Der Rausch der Echtheit: Comic-Con, ein Waschbär und der wahre Spider-Man
In San Diego sucht die Popkultur den Ausweg aus der Franchise-Müdigkeit, während im Netz ein Raccoon und ein kostümierter Student für spontane Momente der Authentizität sorgen.
An einem Samstagnachmittag Ende Juli betrat in San Diego erstmals ein Streamingdienst die große Bühne der Halle H. Apple TV+ zeigte Ausschnitte aus „Widow’s Bay“, einer Horrorkomödie von Katie Dippold, die gerade neunzehn Emmy-Nominierungen erhalten hatte. Statt eines Superhelden-Epos bot man den 6500 Fans surreale, leicht unbehagliche Bilder an – ein stiller Kontrapunkt zum einstigen Erdbeben, das vor fast zwanzig Jahren an gleicher Stelle die erste „Iron Man“-Präsentation ausgelöst hatte. Marc Bernardin, langjähriger Comic-Con-Beobachter und Autor von Serien wie „Star Trek: Picard“, konstatierte nüchtern: „Es gibt kein neues ‚Star Trek‘ in Entwicklung, kein neues ‚Doctor Who‘. Diese ehrwürdigen Franchises, die früher die sicheren Treffer waren, existieren nicht mehr – das öffnet die Tür für Neues, Unerwartetes.“
Was neu und unerwartet ist, entsteht derweil oft nicht mehr in kalifornischen Studios, sondern auf Straßen und in Parks. Gut 1800 Kilometer nördlich von San Diego, im Seattler Stadtteil Ballard, filmte die Anwohnerin Kiana Hall mit ihrem Handy einen Waschbären, dessen kurzer, gedrungener Rücken und tapsiger Gang sofort zugeordnet werden wollten. Sie taufte ihn Jimothy, vermutete ein Short-Spine-Syndrom und stellte das Video auf Instagram. Innerhalb weniger Tage wurde der Clip über acht Millionen Mal aufgerufen. Die ungewöhnliche Silhouette des Tiers, das an einen Tasmanischen Teufel erinnerte, traf die zwei Bedingungen digitaler Massenverbreitung: einzigartig und sofort teilbar. Jimothy tauchte fortan in Skyrim-Mods auf, in Stardew-Valley-Farmen, und Blizzard kündigte an, ihn als Begleiter in die nächste World-of-Warcraft-Erweiterung aufzunehmen. Ein Künstler verewigte ihn an einer Hauswand in Ballard – ein stilles Denkmal für eine schwerelose Berühmtheit.
Dass die organische Verbreitung von Memes eine eigene, kaum steuerbare Kraft ist, beleuchtete die Reaktion auf einen Social-Media-Beitrag des Weißen Hauses. Unter einem Bild, das Jimothy mit einem roten „Trump was right about everything“-Hut zeigte, schrieb die Administration: „Jimothy auf dem Weg nach Washington, D.C.“ Innerhalb eines Tages verzeichnete der Post über eine Million Views – und eine Welle der Empörung. Nutzer nannten die Aneignung „peinlich“ und warfen dem offiziellen Account vor, Memes zu „töten“. Ein Kommentator spottete, der Waschbär sei in Wahrheit ein Wähler von Kamala Harris gewesen. Die Debatte verdeutlichte, wie schnell im digitalen Raum die Bedeutungszuschreibung kippt, wenn Institutionen versuchen, sich die flüchtige Sympathie eines Phänomens anzueignen.
Zur selben Zeit, am Dienstagnachmittag des 21. Juli, geschah im rund 3300 Kilometer südöstlich gelegenen Jonesboro, Arkansas, eine andere, leise Geste. Auf einer sechsspurigen Kreuzung hatte ein Mann im Rollstuhl Mühe, die Fahrbahn zu überqueren. Aus einem roten Jeep stieg ein junger Mann im Spider-Man-Kostüm, schob ihn sicher über die Straße und rannte, kaum dass die Ampel umsprang, zurück zu seinem Wagen. Christopher Hellenthal, zwanzig Jahre alt und Angestellter eines Trampolinparks, hatte zuvor bei einem Kinder-Event den Helden gegeben. Die Verkehrskamera der Polizei zeichnete die Szene auf, das Department postete sie mit dem Satz: „Ob rote oder grüne Ampel – es gibt immer Zeit, das Richtige zu tun.“ Der wahre Spider-Man, schrieb eine brasilianische Redaktion, bleibe anonym hinter seiner Maske.
Während in San Diego die Studios ihre Stars über rote Teppiche schickten und an Ständen die nächste Avengers-Generation anpriesen, hatte sich die Sehnsucht nach dem Unmittelbaren längst eigene Bühnen gesucht. Ein Waschbär mit verkürzter Wirbelsäule wurde zur Spielfigur in virtuellen Welten; ein Student im Gummianzug besiegte für einen Moment die Gleichgültigkeit des Nachmittagsverkehrs. Dass die Aufmerksamkeit der Netze beides in denselben Tagen zu weltweiten Phänomenen machte, zeichnete ein Bild davon, was das Publikum im Sommer 2026 tatsächlich suchte: nicht Helden aus dem Baukasten der Franchises, sondern Augenblicke, die selbst stolpern und dennoch ankommen.
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