
Zwischen Abwasser und Kerzenwachs: Das Meer als Gazas letzte Zuflucht
Während Brüssel über vegane Steaks und Gentechnik debattiert, fliehen die Menschen in Gaza aus glühenden Zelten an einen verseuchten Strand – das Meer ist ihr einziger Ausweg.
Am Strand von Gaza-Stadt steht Wadie al-Ras, 36 Jahre alt, und blickt auf das Wasser. „Der einzige Ausweg im Gazastreifen, von Nord nach Süd, ist das Meer“, sagt er. Hinter ihm drängen sich Zelte, in denen die Hitze wie in einem Backofen steht. Kinder planschen im seichten Wasser, während ein paar Surfer ihre Bretter auf den Sand legen und sich mit Kerzenwachs behelfen, weil es kein Surfwachs mehr gibt. Das Meer, einst ein Ort der Erholung, ist heute eine Notwendigkeit – und doch durchzogen von ungeklärten Abwässern, die aus zerstörten Pumpstationen strömen.
Die Surfer, die sich hier versammeln, sind eine schrumpfende Gemeinschaft. Vor dem Krieg zählte das Team 17 Mitglieder, heute sind es noch drei. Tahseen Abu Assi, 23, hat das Surfen von seinem Vater gelernt. „Wenn du eine Welle erwischst, auf ihr reitest, an ihr entlanggleitest – dieses Gefühl lässt sich nicht in Worte fassen“, sagt er. Es sei der Sport, der sie atmen lasse und ihnen ein Gefühl von Sicherheit gebe, selbst wenn jederzeit Granaten oder Sprengkörper in der Nähe einschlagen könnten. Mitte Mai wurden vor der Küste zwei Fischer durch israelisches Marinefeuer verletzt, wenige Tage später drei weitere. Die Waffenruhe vom Oktober 2025 ist brüchig, die Gewalt hält an.
Die Infrastruktur, die einst mehr als zwei Millionen Menschen versorgte, ist zusammengebrochen. Husni Muhanna, Sprecher der Stadt Gaza, berichtet, dass zahlreiche Wasserpumpen durch Beschuss zerstört wurden, Klärstationen und Aufbereitungsanlagen schwer beschädigt sind. Die Menschen greifen notgedrungen auf das Meer zurück, obwohl es voller Keime ist. Ein Vater von sechs Kindern, Shehab al-Suwaireki, bringt es auf den Punkt: „Wir gehen rein, waschen und baden, dann kommen wir raus. Die Keime dringen so oder so in unseren Körper ein.“ In den Zelten, die nach Angaben des Norwegian Refugee Council noch immer fast eine Million Menschen beherbergen, fehlt es an einfachsten Dingen: Schattennetzen, Plastikplanen, Sperrholz. Jan Egeland, Generalsekretär des NRC, spricht von einem „Skandal“, dass Israel die Einfuhr solcher Materialien beschränke.
Während in Gaza das Überleben am seichten Ufer verhandelt wird, beschäftigt die Europäische Union in Brüssel eine andere Art von Zukunftsfrage. Die zuständigen Gremien berieten über die Kennzeichnung veganer Fleischersatzprodukte – ob etwa eine pflanzliche Scheibe „Steak“ heißen darf – und über neue genomische Techniken in der Landwirtschaft. Es sind Debatten über Nomenklatur und Regulierung, die in der stickigen Hitze der Zelte am Mittelmeer wie Botschaften aus einer fernen Welt wirken. Die israelische Behörde COGAT verweist unterdessen auf Hilfslieferungen: UNICEF habe Kleidung für 30.000 Kinder gebracht, das UNDP dokumentiere den Anbau von Feldfrüchten im Stadtteil Al-Zeitoun. Doch die Grundversorgung bleibt prekär.
Auf dem Wasser gleitet einer der Surfer für einen Moment über eine Welle. Das Brett, fast zwei Jahrzehnte alt und mit Kerzenwachs präpariert, trägt ihn über die schmutzige Brühe hinweg. Khalil Abu Jiyab, 18, sagt: „Es gibt in Gaza nichts, worauf man sich wirklich freuen kann, außer dem Meer. Ohne es wäre das Leben schon lange erloschen.“ Das Meer, das zugleich Kloake und letzter Freiheitsraum ist, spiegelt die Widersprüche eines Küstenstreifens, in dem selbst die elementarsten Dinge – Wasser, Schatten, eine Welle – zu Luxusgütern geworden sind.
Wie dieselbe Geschichte anderswo erzählt wird.
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Angesichts steigender Sommertemperaturen und knappen Süßwassers fliehen vertriebene Gazaner aus ihren stickigen Zelten an die verschmutzte Mittelmeerküste, um zu baden und Wäsche zu waschen. Für einige bietet das Surfen ein unbeschreibliches Gefühl der Freiheit und eine kurze Flucht vor den Härten des Krieges.
In den Trümmern von Gaza trägt eine Gruppe junger Surfer ihre Bretter an zerstörten Gebäuden vorbei, um Trost in den Wellen zu finden. Sie beschreiben den Sport als eine Möglichkeit zu atmen, ein unbeschreibliches Gefühl, das sie für einen Moment über die umgebende Verwüstung erhebt.
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