
Taiwan im Spannungsfeld: Waffenstillstand bei Rüstungsgeschäften und neue Signale der Annäherung an Peking
Während Washington ein milliardenschweres Waffenpaket auf Eis legt, zeigt eine Umfrage in Taipeh wachsende Sympathien für einen Ausgleich mit China – Präsident Lai pocht dennoch auf militärische Selbstbehauptung.
Die seit Wochen erwartete Entscheidung über neue amerikanische Waffenlieferungen an Taiwan im Umfang von rund 14 Milliarden US-Dollar bleibt aus. Nach seiner Rückkehr aus Peking, wo Präsident Donald Trump nach eigenem Bekunden das Paket „in großer Ausführlichkeit“ mit Staats- und Parteichef Xi Jinping erörtert hatte, zeigt das Weiße Haus auffällige Zurückhaltung. Aus Washingtoner Regierungskreisen verlautet, es gebe derzeit keine Anzeichen für ein Telefonat Trumps mit Taiwans Präsident Lai Ching-te – ein solcher Anruf hatte 2025 noch eine schwere diplomatische Krise mit Peking ausgelöst. Auch neue Ankündigungen von Rüstungsverkäufen seien in naher Zukunft nicht zu erwarten, wenngleich einige Pakete später wohl genehmigt würden. Taipeh drängt unterdessen mit wachsender Dringlichkeit: Alexander Yui, Taiwans oberster Repräsentant in den Vereinigten Staaten, bezeichnete die Selbstverteidigungsfähigkeit der Insel angesichts der Bedrohung durch Peking als unverzichtbar, und Präsident Lai warnte, Taiwan werde „nicht geopfert oder zum Tauschobjekt“.
In Taipeh selbst zeichnet sich indes eine bemerkenswerte Verschiebung der öffentlichen Meinung ab. Eine nach dem Treffen von Trump und Xi erhobene Umfrage ergab, dass 44,9 Prozent der Befragten den Ausbau eigenständiger Verteidigungsfähigkeiten als wichtigsten Ansatz zur Sicherung von Frieden und Sicherheit sehen. 29,7 Prozent sprachen sich für „Goodwill gegenüber dem chinesischen Festland“ aus, während nur 11,8 Prozent eine Vertiefung der Kooperation mit den USA bevorzugten. Das deutet auf eine nuancierte Haltung: Die Mehrheit setzt auf Selbstbehauptung, doch der Wunsch nach Entspannung mit Peking überwiegt deutlich die Hoffnung auf amerikanischen Beistand. Präsident Lai bekräftigte vor dem Auslandspresseclub, die Bewahrung der demokratischen Lebensweise und die Weigerung, sich der Kommunistischen Partei Chinas zu unterwerfen, seien keine Provokation; er strebe Gespräche auf Augenhöhe an, doch nur die taiwanische Bevölkerung dürfe über ihre Zukunft entscheiden.
Aus Pekinger Sicht bleibt die Linie unverändert: Jeglicher Versuch Taiwans, sich mit amerikanischer Militärhilfe der Wiedervereinigung zu entziehen, sei eine „Sackgasse“. Gleichzeitig setzt China auf wirtschaftspolitische Offensiven. Botschafter Xie Feng regte bei einer Gala des US-China Business Council in Washington an, das Volumen zollfreier Handelswaren zwischen beiden Ländern von derzeit 30 auf bis zu 300 Milliarden Dollar zu verzehnfachen. Solche Avancen gegenüber der amerikanischen Geschäftswelt sollen offenbar die transaktionale Logik Trumps bedienen und den Anreiz mindern, Taiwan als geopolitisches Faustpfand einzusetzen.
Jenseits der festgefahrenen Rüstungsfrage sucht Taipeh auf anderen Feldern nach Handlungsspielraum. Lai wies Befürchtungen zurück, die geplante Abgrenzung sich überschneidender ausschließlicher Wirtschaftszonen zwischen Japan und den Philippinen könne taiwanische Rechte schmälern; China habe in jenen Gewässern ohnehin keine Ansprüche. Gegenüber einer Delegation des US-Kongresses drängte er auf verstärkte Kooperation in Verteidigung, Technologie und Industrie sowie auf ein Doppelbesteuerungsabkommen. So zeigt sich das für Taiwan typische Doppelspiel: Während die Exekutive in Washington Zurückhaltung übt, bleibt der Kongress ein verlässlicher Partner.
Für Europa und insbesondere den deutschsprachigen Raum ist die fragile Balance im Taiwanstraße von erheblicher Bedeutung. Die Insel ist ein unersetzlicher Knotenpunkt globaler Halbleiterlieferketten, deren Störung Industrien von München bis Zürich träfe. Die gegenwärtige Konstellation – ein zögerlicher US-Präsident, eine taiwanische Führung, die auf militärische Selbstbehauptung pocht, und eine Bevölkerung, die mehrheitlich weder Konfrontation noch blindes Vertrauen in Washington sucht – lässt mehrere Szenarien offen. Ob Trumps transaktionale Staatskunst Taiwan tatsächlich zur „Verhandlungsmasse“ macht oder Peking mit wirtschaftlichen Gesten besänftigt, ohne die strategische Rüstungskooperation dauerhaft einzufrieren, wird sich erst in den kommenden Monaten zeigen.
Wie dieselbe Geschichte anderswo erzählt wird.
2 Mediengruppen · 4 Sprachen
Die lateinamerikanische Presse stellt Taiwan als unabhängige, demokratische Insel dar, die dem Druck Pekings widersteht. Washingtons Ambivalenz und Xi Jinpings Warnung an Trump schüren erneut Ängste vor einem geopolitischen Opfer. Präsident Lai verteidigt die militärischen Beziehungen zu den USA und erklärt, die Insel werde kein Faustpfand sein.
Die chinesische Presse betont Pekings Bereitschaft, den zollfreien Handel mit den USA auszuweiten, und fordert eine Verzehnfachung. Eine Umfrage zeigt, dass mehr Taiwaner Wohlwollen gegenüber dem chinesischen Festland der Vertiefung der Beziehungen zu Washington vorziehen. Die Darstellung legt nahe, dass wirtschaftliche Stabilität und gegenseitiges Wohlwollen der richtige Weg sind, und spielt die Waffenverkäufe herunter.
Verwandte Artikel
Messi unter Tränen: Familie bestätigt Gesundheitsprobleme des Vaters und kritisiert Spekulationen
11 Sprachen · 37 Quellen
PolitikFernsignatur in Versailles: USA und Iran besiegeln historischen Waffenstillstand
8 Sprachen · 34 Quellen
SportTschechiens Blitzstart verpufft: Südafrika erkämpft spätes Remis in Atlanta
7 Sprachen · 27 Quellen