
Schwarze Banner in Dhaka: Aschura zwischen Trauerzug und Fastenritus
Am zehnten Tag des Muharram durchziehen Prozessionen die Altstadt von Dhaka, während Gläubige in aller Welt den Tag mit Fasten, Gebeten und politischen Botschaften begehen.
In den schmalen Gassen der Altstadt von Dhaka hängen schwarze Banner von den Balkonen. Vor dem historischen Hoseni-Dalan-Imambara, einem Bau aus der Mogulzeit, stehen Tische mit Gläsern und Krügen, von denen aus Sherbet an die Vorbeiziehenden verteilt wird. Männer, Frauen und Kinder drängen sich an diesem Vormittag durch die engen Wege, manche entzünden Kerzen vor den Tazia-Nachbauten, andere werfen Geld in Spendenboxen. Die Luft ist erfüllt vom rhythmischen Klang der Brustschläge und dem immer wiederkehrenden Ruf „Ya Husain“. Es ist der zehnte Muharram, Aschura, und die schiitische Gemeinde Dhakas bereitet sich auf die große Trauerprozession vor, die sich bald vom Imambara aus durch die Stadt bis zum Dhanmondi-See bewegen wird.
Die Prozession, an der sich in Dhaka seit Generationen auch viele Sunniten beteiligen, gedenkt des Martyriums von Imam Husain, dem Enkel des Propheten Mohammed, der im Jahr 680 in der Schlacht von Kerbela fiel. Für die schiitischen Gläubigen ist Aschura der Höhepunkt einer zehntägigen Trauerzeit, in der mit Matam (Brustschlägen), Marsiya-Gesängen und symbolischen Begräbnissen der Tazia der Opfertod Husains vergegenwärtigt wird. Aus Teheraner Perspektive erhält der Tag in diesem Jahr eine zusätzliche politische Aufladung: In iranischen Staatsmedien wird Aschura als „erster Muharram seit dem Märtyrertod von Ajatollah Chamenei“ inszeniert, der angeblich bei einem „nicht provozierten amerikanisch-israelischen Angriff“ getötet worden sei. Präsident Peseschkian rief dazu auf, die Tränen um Husain in aktiven Widerstand gegen Unrecht zu übersetzen – eine Deutung, die das historische Ereignis unmittelbar in den Dienst aktueller Konfrontation stellt.
Doch Aschura ist kein allein schiitisches oder politisches Datum. In sunnitischen Gemeinschaften von Jakarta bis Kano steht das Fasten im Vordergrund, das der Prophet Mohammed einst empfahl, um der Rettung des Propheten Musa (Moses) vor dem Pharao zu gedenken. Indonesische Kommentatoren verweisen auf die koranische Aufforderung, den eigenen Zustand zu verändern, und sehen im Monat Muharram einen Anlass zur inneren Einkehr und gesellschaftlichen Erneuerung. In nigerianischen Moscheen wird daran erinnert, dass der Prophet das Fasten an Aschura ursprünglich von den Juden Medinas übernahm, dann aber durch das Hinzufügen eines weiteren Tages eine bewusste Unterscheidung einführen wollte. So überlagern sich in der Praxis mehrere Schichten: ein vorislamischer arabischer Reinigungstag, eine jüdisch-islamische Fastentradition und die schiitische Trauer um Kerbela.
Am späten Nachmittag erreicht der Zug in Dhaka den See, wo die Tazia symbolisch dem Wasser übergeben werden. Nach dem Freitagsgebet wird im Imambara die Süßspeise „Faka Shikani“ gereicht, und wenn am Abend die Lichter gelöscht werden, versammelt sich die Gemeinde zur „Scham-e-Ghariba“, der Andacht der Fremden, die an die Einsamkeit der Hinterbliebenen von Kerbela erinnert. In dieser Dunkelheit, die nur von flackernden Kerzen durchbrochen wird, verdichtet sich die Vielstimmigkeit des Tages zu einem stillen Bild: ein Innehalten, das weder ganz Trauer noch ganz Hoffnung ist, sondern beides zugleich.
Wie dieselbe Geschichte anderswo erzählt wird.
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Aschura wird als eine muslimische Tradition dargestellt, die in den frühesten Tagen des Islam wurzelt und direkt vom jüdischen Jom Kippur inspiriert ist. Der Artikel erklärt die religiöse Bedeutung auf distanzierte, historische Weise und hebt das gemeinsame abrahamitische Erbe hervor.
Der heilige Monat Muharram wird als Zeit der spirituellen Einkehr, moralischen Erziehung und sozialen Solidarität dargestellt. Predigten und Kommentare fordern die Gläubigen auf, ihre Herzen vor Verleumdung zu schützen, familiäre Bindungen durch vorbildliches Verhalten zu stärken und für Waisen zu sorgen, um das islamische Neujahr zu einem Moment persönlicher und gemeinschaftlicher Erneuerung zu machen.
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