
Russischer Raketenangriff auf türkischen Getreidefrachter im Schwarzen Meer fordert sechs Tote
Kiew wirft Moskau einen gezielten Angriff auf ein ziviles Handelsschiff vor; die Besatzung bestand aus Syrern, Indern und einem ukrainischen Kapitän.
In der Nacht zum Montag hat ein russischer Raketenangriff im Schwarzen Meer den unter der Flagge Guinea-Bissaus fahrenden Getreidefrachter „Golden Leo“ getroffen. Nach Angaben der ukrainischen Marine wurden dabei mindestens sechs Besatzungsmitglieder getötet, vier weitere gelten als vermisst. Acht Seeleute konnten gerettet und in Krankenhäuser nach Odessa gebracht werden. Das Schiff, das einer türkischen Reederei gehört, hatte den Hafen von Odessa mit einer Ladung Getreide verlassen und befand sich nach ukrainischer Darstellung auf dem Weg aus dem Kampfgebiet, als es von drei Marschflugkörpern getroffen wurde.
Die Regierung in Kiew verurteilte den Angriff als vorsätzlichen Akt gegen die zivile Schifffahrt und als schweren Verstoß gegen das humanitäre Völkerrecht. Der ukrainische Außenminister Andrij Sybiha sprach von einem „Terrorfeldzug“ Moskaus, der sich auch tagsüber fortsetze. An Bord befanden sich neben dem ukrainischen Kapitän, der unter den Todesopfern ist, Besatzungsmitglieder aus Syrien und Indien. Der Vorfall unterstreicht aus Sicht westlicher Sicherheitskreise die wachsenden Risiken für die für globale Lebensmittellieferungen wichtige Handelsroute, seit Russland im Sommer 2023 aus dem Schwarzmeer-Getreideabkommen ausgestiegen ist. Eine offizielle Reaktion der Türkei, deren Staatsangehörige nicht unmittelbar betroffen zu sein scheinen, stand zunächst aus.
Das russische Verteidigungsministerium äußerte sich nicht direkt zu dem Angriff auf die „Golden Leo“, erklärte jedoch, eigene Drohnen hätten in derselben Nacht zwei Massengutfrachter auf der Reede von Odessa sowie zwei weitere Schiffe nahe der Schlangeninsel attackiert. Diese Schiffe hätten nach Moskauer Darstellung militärische Güter transportiert oder seien als Startplattformen für Drohnen genutzt worden. Russland bestreitet generell, zivile Ziele ins Visier zu nehmen, und spricht von Angriffen auf militärische Infrastruktur und Logistikzentren. Unabhängig überprüfbar sind diese Angaben nicht.
Der Angriff auf den Frachter ereignete sich in einer Phase massiv intensivierter Luftschläge. Wenige Stunden zuvor hatte Russland nach Kiewer Zählung mehr als 40 Raketen und über 120 Drohnen auf die ukrainische Hauptstadt abgefeuert – einer der schwersten ballistischen Angriffe seit Kriegsbeginn. Landesweit kamen binnen 24 Stunden nach Behördenangaben mindestens 20 Zivilisten ums Leben, über 140 wurden verletzt. Auch die ostukrainische Stadt Charkiw und ein Vergnügungspark in Odessa wurden getroffen. Aus Sicht von Militärexperten in Brüssel zielen die gesteigerten russischen Angriffe darauf ab, die ukrainische Luftabwehr zu erschöpfen und den Druck auf die Energie- und Hafeninfrastruktur zu erhöhen. Die ukrainische Seite wiederum reklamierte erfolgreiche Drohnenangriffe auf zwei russische Tanker im Schwarzen Meer sowie auf ein Flugabwehrsystem in der besetzten Region Saporischschja.
Die Suche nach den vier vermissten Seeleuten der „Golden Leo“ dauerte am Montag an. Die ukrainische Marine hat eine Untersuchung des technischen Zustands des Schiffes eingeleitet. Internationale Gremien wie die Internationale Seeschifffahrtsorganisation (IMO) haben sich bislang nicht zu dem Vorfall geäußert. In diplomatischen Kreisen wird erwartet, dass der Angriff die Diskussion über Sicherheitsgarantien für die zivile Schifffahrt im Schwarzen Meer neu beleben dürfte, konkrete Schritte sind jedoch nicht absehbar.
Erweitere deinen Horizont
Iran droht Vergeltung nach ukrainischem Angriff auf Handelsschiff im Kaspischen Meer
9 Sprachen · 21 Quellen
Aus Economy & MarketsRekord-Zahlungsausfälle in Argentinien und Brasilien – Indiens Banken vermelden Kreditboom
3 Sprachen · 7 Quellen
Aus TechnologyElon Musk zieht Bilanz: Politische Reue und ungebremster Techno-Optimismus
3 Sprachen · 5 Quellen