
Industriepolitik und neue Weltordnung: Wie staatliche Entscheidungen die multipolare Ära formen
Die Weltbank vollzieht eine Kehrtwende in der Industriepolitik, während in Teheran der schmerzhafte Übergang zu einer neuen globalen Ordnung debattiert wird.
Die Weltbank hat in einem neuen Bericht ihre jahrzehntelange Ablehnung staatlicher Industriepolitik offiziell revidiert. Demnach verfolgen inzwischen 183 der 195 Länder der Welt gezielte Förderstrategien für mindestens eine Branche. Aus Washingtoner Sicht markiert der CHIPS and Science Act von 2022 mit öffentlichen Zusagen von 52,7 Milliarden Dollar und darauffolgenden privaten Investitionen von über 540 Milliarden Dollar einen Wendepunkt: Staatliche Eingriffe sollen nicht Märkte ersetzen, sondern private Kapitalströme gezielt aktivieren. Diese Abkehr von der marktliberalen Orthodoxie ist, so die Analyse des Berichts, eine Reaktion auf das Zusammentreffen von Lieferkettenverwundbarkeiten, der Energiewende, geopolitischen Spannungen und dem Aufstieg Künstlicher Intelligenz.
Aus Teheraner Sicht wird dieser Wandel als Teil eines umfassenderen Übergangs zu einer multipolaren Ordnung gedeutet. Der frühere iranische Botschafter Mohsen Pak-Aein beruft sich auf den verstorbenen Präsidenten Ebrahim Raisi, wonach sich die neue Weltordnung in einem graduellen, von unvorhersehbaren Ereignissen geprägten Prozess herausbilde – der Krieg in der Ukraine und die Operation vom 7. Oktober 2023 gelten dabei als beschleunigende „politische und militärische Stürme“. In dieser Lesart schwindet der Einfluss der USA, Israel sei dem Niedergang geweiht, und mit der Machtverschiebung von West nach Ost würden Iran, China und Russland zu Hauptakteuren. Pak-Aein betont, dass keine neue Ordnung ohne Kosten entstehe; Iran habe mit dem Verlust von Führungspersönlichkeiten und Kommandeuren einen hohen Preis gezahlt.
Demgegenüber warnt der frühere iranische Vatikan-Botschafter Mohammad Masjed-Jamei vor einer einseitigen Ostorientierung. In der Rückschau auf die Entscheidung, nach dem Taliban-Angriff auf das Konsulat in Masar-e Scharif 1998 nicht militärisch in Afghanistan zu intervenieren, würdigt er die Zurückhaltung von Ajatollah Chamenei als strategische Weichenstellung, die Iran einen langwierigen Konflikt erspart habe. Masjed-Jamei zufolge vertrauten selbst östliche Partner einem außenpolitisch ausbalancierten Iran mehr; das Land müsse seine Beziehungen zu verschiedenen Machtpolen austarieren, um seine geopolitische Bedeutung voll auszuschöpfen. Die „Look to the East“-Politik sei daher nicht als bedingungslose Lagerbildung, sondern als strategische Richtungsentscheidung zu verstehen.
Für europäische und insbesondere deutsche Handelsnationen bedeutet die Rückkehr der Industriepolitik eine doppelte Herausforderung: Einerseits setzen Subventionswettläufe und Local-Content-Vorgaben exportorientierte Unternehmen unter Druck, andererseits zwingt die Fragmentierung der Weltwirtschaft zu einer Neubewertung von Lieferketten und Technologiepartnerschaften. Die iranische Debatte illustriert zudem, wie regionale Mittelmächte versuchen, sich im Spannungsfeld zwischen westlichen Sanktionen und östlichen Alternativen Handlungsspielräume zu bewahren. Die nächsten Schritte umfassen die weitere Umsetzung des CHIPS-Gesetzes in den USA, die Ausgestaltung der BRICS-Kooperation sowie in Teheran die innenpolitische Aushandlung über das künftige außenpolitische Gleichgewicht.
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Menschliche Entscheidungen, nicht Unvermeidlichkeit, schmieden die Zukunft. Jede Generation erbt die Konsequenzen früherer Entscheidungen.
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